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02.30, mein Wecker läutet, ich springe aus dem Bett. Vor zwei Tagen war Vollmond, ein starker Mondschein und die Nacht wird fast zum Tag. Es ist Samstag, normalweise mein Waschtag. Eine Tonne Wäsche guggt mich traurig an. Mein zynisches Ich hat aber eine bessere Idee: Wir gehen in den Berg voller Märchen!!! Heute werden die Glocken läuten und man wird das junge Vieh auf die andere Seite des Kaiseregg jagen! Ich schnappe die Kamera und gehe helfen.

 

 

Es ist dunkel und still als ich durch Schlund fahre. Andere Helfer kommen auch: junge Leute, Kollegen, Familienmitglieder, Bauer. Es ist 04.30 wenn ich ankomme – auf dem Alp Grossriederhuus auf 1558 m.ü.m. Von hier aus werden wir eine grosse Herde auf die andere Seite von Kaiseregg jagen, auf die Kaisereggalp, wo die Herde den ganzen Sommer verbringt. Manche Helfer gehen schon voraus, zum Kaiserengpass, wo es am gefährlichsten ist.

 

 

Auch ich gehe langsam hinauf. Und langsam erwacht die Welt. Ein Kuckuck heisst den Tag willkommen, es ist 05.17, des Bauers seine Pfeifen und Johlen, die Herde geht los.

 

 

Ein steiler Aufstieg, wir laufen an der Skistation vorbei. Hier ist die Schattenseite und der steile Hang von Kaiseregg. Die ersten Sonnenstrahlen wärmen uns in Rücken und wir schauen uns den müden Mond an, der langsam dem Tag ausweicht.

 

 

Die Herde haltet an. Die ersten Tiere sind bei der Kluft angekommen, jetzt geht ein Tier nach dem anderen. Wir beobachten von Weitem die Szenerie. Obwohl es einfach aussieht, ganz im Gegenteil ist der Aufstieg sehr steinig und man muss vorsichtig laufen. Auch wir müssen die Tiere gut hüten, sie dürfen nicht herumlaufen. Das Gras ist verlockend, aber der Hang tückisch, ein falscher Schritt und die Folgen können fatal sein. In der Herde gibt es junge Tiere, aber auch solche, die trächtig sind.

 

 

Auch wir erreichen endlich den Engpass. Geduld und Ruhe, den langsameren Tieren hilft man. Für meine Kamera ist es genau der Augenblick, wo ich die Atmosphäre und Schwierigkeitsgrad festhalten kann. Im Sommer, wo die Touristensaison blüht, laufen hier tausende Menschen, im Winter ist diese Kluft unpassierbar wegen Schneemenge und Lawinen und im Frühling muss man den Weg flicken.

 

 

Wir steigen hinauf, alle ohne Probleme, wir erreichen den Kaiserengpass. Die ersten Wanderer, die beim Kreuz den Tag begrüssen durften und kommen wieder zurück. Und auf uns wartet der Abstieg zum Kaisereggalp. Es ist der einfachere Teil unserer Reise.

 

 

Letztendlich kommen die, die am Morgen als ersten hinauf gestiegen sind. Fredo, der zufriedene Bauer und die Helfer, gute drei Stunden Arbeit hinter uns. Trotzdem war es anstrengend: die Tiere wollen trinken und für sie fängt der neunwöchiger Aufenthalt hier, in fruchtbaren Hängen von Kaiseregg, hier an der Grenze zweier Kantonen – Fribourg und Bern. Anderer Weg für Tiere gibt es nicht.

 

 

In den Bergen fängt der Sommer an. Auch hier, auf 1600 m.ü.m hat die Sonne Kraft. Die jungen Burschen helfen im Stall, es ist Zeit, die Tiere zu kontrollieren und ruhen lassen. Es ist auch Zeit für Belohnung: über 40 Menschen haben geholfen, die 134 Tiere über die Kluft gesund zu führen. Es ist eine Tradition, die seit eh und je durchgeführt wird. Die Kratzer im Holz erzählen eine Geschichte bis in Jahr 1780.

 

 

Auch wir erhalten eine Belohnung: feine Suppe von Bauersfrau und was zum Trinken. Und ein wunderbarer Nachmittag auf der Terrasse, bisschen quatschen über dies und das. Mein zynisches Ich rechnet bei jedem Glas, dass unsere Belohnung vielfach die Arbeit übersteigt, wobei ich zurück frage: willst Du es umgekehrt? Ich finde es gerecht und schlussendlich ist Samstag.

 

 

Aber auch für uns kommt die Zeit, um sich zu verabschieden. Noch paar letzten Worte mit dem Hirt Fredo und seiner Familie und wir laufen los.

 

 

Das Geschwisterduo Linda und Herrmann führen uns über ein bisschen anderen Weg zurück. Wir „jüngeren“ geniessen ihre Erzählungen und Geschichten. Zurzeit herrscht in den Alpen Sommer, ein Märchen. Die Blumen aller Art und Farben. Wir bewundern die Schönheit und wie auch immer folgen die Quiz: Hier und da, welcher Alp? Und ich fotografiere zufrieden beiseite und Mein zynisches Ich flüstert: Wir wollen alles wissen und wie lächerlich klein wir sind…

 

 

Der Weg führt uns unter die Kluft von Kaiseregg. Die nächsten Wanderer, ein wunderbares Wochenende lockt viele Menschen in die Natur. Ich bin zufrieden, überall liegen frische Kuhfladen, die Zufriedenheit herrscht. Linda erzählt uns auch traurige Geschichten als ein Tier das Gleichgewicht verlor und tödlich verunglückte. Aber auch Unwetter, Kälte und Schnee, die in der Vergangenheit diesen Anlass geprägt haben.

 

 

Wir kommen an, wo alles heute morgen begonnen hat. Zwölf Stunden sind vergangen. Zwölf wunderbare Stunden, die mir für immer tief im meinen Herzen bleiben. Der einsame Weg und Grossriederhuus auf 1558 m.ü.m. Noch letzte Eindrücke vom Tag. Es ist Zeit, der Berg voller Märchen zu verlassen und in die Zivilisation zurück zu fahren. Und Mein zynisches Ich flüstert: Die Wäsche wartet auf Dich…Und meine Faulheit antwortet: in einer Woche ist wieder Samstag…

 

 

Und ihr? Woran denkt ihr, wenn man die Schweiz sagt? Denkt ihr an Käse, Fondue, die feine Schokolade, an Latte Macchiatto? Das alles kann man im Geschäft kaufen, im Internet. Aber wo fängt das alles an? Wer weiss, vielleicht bei uns in den fruchtbaren Hängen im Berg voller Märchen…

 

Die heutige Frage lautet:

Hab ihr mal schon in den Bergen geholfen? Es ist ein wunderbares Erlebnis…Jemand muss die Zäune vorbereiten, jemand hat die Treppe geflickt, jemand muss auf die Tiere aufpassen…

Und Milchprodukte? Seid ihr dankbar für dieses Geschenk? Es ist ein langer Weg bis zu uns…

Der heutige Tag und nicht nur der heutiger ist gewidmet allen Menschen, die in den Bergen voller Märchen arbeiten. Den allen Menschen, die sich darum kümmern, damit wir die Geschenke der Natur geniessen können.

…IHR MACHT DIE WELT BESONDERS…INDEM IHR DA SEID…

 

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…Wir helfen…

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2 Antworten zu “…Wenn die Glocken läuten…

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