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Der Sonntag, erster im Februar. Die Tage sind schon deutlich länger, ich krieche faul aus den Federn und der Blick aus Fenster sagt klar – die Frau Holle ist zu Besuch auch bei uns in Elswil. Mein zynisches Ich brummt feministisch: Wo der Teufel nicht kann, steckt er eine Frau. Ich geniesse meinen Frühstück und gehe spazieren in unsere Gegend. Schwere Flocken fallen aus dem Himmel und verdecken liebevoll die Natur, die ihren Winterschlaf geniesst. Die Welt wacht langsam auf, die ersten Hündeler erledigen vorbildlich ihre Aufgaben.

 

 

Ich besuche unsere Kirche mitten im Dorf. Ich bin alleine hier. Obwohl ich nicht gläubig bin, denke ich, dass in der Zeiten der modernen Technologie, die sie uns bietet, die Kirche die kompetenteste Stelle ist, wo man seine Grüsse schicken kann dorthin, wo kann zurück geht für die, die nicht mehr unten uns sind. Ich zünde eine Kerze an, setze mich hin und die Stimme der Glocke holt mich in die Realität. Ich mag bunte Kontraste und laufe von der Kirche direkt in Bar daneben – eine kurze Pause und mal hören, was uns die Schweizer Medien zu sagen haben. Ich staune schon, was man alles so erfährt. Aber es gibt Bilder dazu, damit man das besser versteht.

 

 

Ich maschiere weiter – die Autobahn A 12, die Welt hält nicht mal am Sonntag an und unweit finde ich wieder die Ruhe unserer Gegend. Die Nische zwischen Himmel und Erde ist kaum zu erkennen. Ich laufe durch Wald, die Rehen grassen auf der Weide. Es ist später Nachmittag, grau. Nur die Stacheln grinsen tapfer in die weite Welt. Verliebte Pärchen geniessen die Romantik. Weitere Brücke, die Autobahn A 12, das gleiche Bild, andere Autos und wieder zu Hause. Starkes Wind weht und bringt sicher eine Änderung, die Frage ist, welche nur?

 

 

Das weiss ich sofort nächsten Tag morgens. Mein zynisches Ich zieht mich aus dem Bett und ruft zum Befehl: Der Berg ruft!!! Weiss du, was schön am Montag ist? Dass auch die Kinder in die Schule gehen müssen!!! Wir werden Ruhe auf der Piste haben!!! Im Winter gehört Schwarzsee allen Skifans und dieses Jahr hat Frau Holle wirklich für Nachschub gesorgt. Je näher ich zum Berg fahre, umso mehr freue ich mich. Der Parkplatz wird zunehmend besetzt – Schulausflüge, Kinder, Rentner, Hundehalter, Spaziergänger. Schwarzsee lebt vor allem von Ein-Tag-Tourismus. Ein wunderbarer Vormittag wartet auf mich. Mancher Lift müssen wir noch „stehen“, so wie Bodelift, der die natürlichste Piste ist, denn im Winter hat der Schatten wohltuende Macht. Die Piste ist einfach und zum Aufwärmen perfekt. Und die Kinder trainieren schon vorbildlich.

 

 

Und dann geht es hinauf zu Kaiseregg. Könnt ihr euch erinnern? Im Sommer haben wir hier die Rinder auf die andere Seite des Berges gejagt. Jetzt will der Berg seine Ruhe und im Winter ist Kaiseregg von dieser Seite fast unzugänglich. Der Lawinengefahr ist da nicht zu unterschätzen. Im Kopf spule ich den unvergesslichen Film: Wenn wir im Sommer hinauf gejagt haben, ist der Mond auf dieser Seite schlafen gegangen, jetzt scheint die Sonne hier. Mein zynisches Ich fragt mich: Ist die Welt verrückt geworden? Die Welt ist immer verrückt, aber das Universum arbeitet sicher.

 

 

Der Magen knurrt, ich fahre zu meiner geliebten Salzmatte. Die geniesst ihren Winterschlaf über die Woche, am Wochenende dient sie unserem Skiklub Enzian. Bescheidenes Essen und die unbezahlbare Aussicht. Ist sie nicht wunderschön?

 

 

Nach dem sportlichem Vormittag geht es nach Hause. Auf der Terrasse Restaurant Gypsera geniesse ich die Sonnenstrahlen, das Personal hat wie immer Hände voll zu tun und Mein zynisches Ich flüstert: Spar Dir die Kräfte in die Arbeit. Noch letztes Kuss zu Kaiseregg – zum Berg voller Märchen – meine Liebe auf den ersten Blick, die ich fast 20 Jahre im meinen Herz trage. Und die neue Herausforderungen der Frau Holle warten auf mich.

Wir wissen das alle – wenn die Frau Holle zuschlägt, egal ob in der Stadt oder auf dem Land, sie zieht volle Aufmerksamkeit auf sich. Ja nu, es ist echt eine Frau und noch ein Star dazu. Sie kommt, wann es ihr gefällt, sie fragt nicht, ob es uns passt oder nicht, die ganze Welt spricht über sie.

 

 

Ich schaue wieder aus dem Fenster, es ist Vorabend und Zeit zur Arbeit zu gehen. Augenblicklich ist alles weiss und der Schneefall wird stärker. Auf mich wartet die Autobahn Bern Solothurn Zürich. Man kann nicht über Autobahn sprechen, wir schieben uns vorwärts im Schneckentempo. Ich habe aber Glück, in Solothurn regnet es „nur“ noch. Warum ist Dragon hier alleine? Der Schneekollaps in Romandie hat die Autobahnabfahrt Chatel St. Denis ausser Gefecht gesetzt, sie bliebt über längere Zeit geschlossen. Es ist Freitag, die Fahrer schaffen es heute nicht mehr, die Ware ist geladen, die Pläne und Strecken müssen umdisponiert werden. Für mich ändert sich der Plan auch, in Zürich sattle ich um und fahre zurück. Im Depot atme ich auf, das war heute wirklich einfach. Heute schon, aber der Winter kann es noch mal anders.

 

 

Ein anderer Abend und die Arbeit wartet auf mich. Aus dem Fenster schaue ich lieber nicht mehr, ich bete leise, dass heute alles gut geht. Wie stark die Kalamität ist merke ich schnell, denn Kamion für Papiersammlung ist nicht da. Seine Angestellten sind auf den Strassen mit Streufahrzeugen und sorgen dafür, dass man gut fahren kann. Trotz allem hat er aber seine Aufgabe erledigt und ich muss mich um nichts sorgen. Ich fahre Richtung Autobahn und im Schneckentempo erreiche ich Depot. So manche Autoprofis fahren auf der Autobahn so schnell wie im Sommer. Mein zynisches Ich murmelt: Klar, denen kann doch nichts passieren!

 

 

Ich übernehme den LKW von meinem Kollegen, meine Arbeit fängt an und ich fahre Richtung Zürich. Die Streufahrzeugen fahren auch vor uns, wir sind etwa 40 Km/h unterwegs. Es hat keinen Sinn, ich fahre bei der nächsten Tankstelle raus und bestelle Kaffee. Kurze Pause tut gut, in 15 Minuten sieht alles anders aus. Die Streufahrzeugen haben ihre Arbeit gut erledigt und ich kann weiter fahren. Heute geht es nicht darum, schnell zu sein, sondern gesund und ohne Schaden zurückkehren, ich büsse eine Stunde ein. Ich und Dragon sind beide Profis, wir haben es trotzdem geschafft. Es ist kurz vor Mitternacht und Dragon seine: Helena, gehe schon nach Hause, ich will mich erholen. Ja ja Schatz, ich weiss, Du arbeitest 16 Stunden am Tag.

 

 

Es wartet wieder die Autobahn und zum zweiten Mal muss ich heute mein Auto suchen. Das Schneeräumen verbrennt die Kalorien. Weitere Streufahrzeuge gehen an die Arbeit. Ein von vielen Tagen der Frau Holle ist hinter mir. Habt ihr mal nachgedacht, wann eigentlich der Winter anfängt? Kennt ihr das Sprichwort: Wenn der Winter fragt, was du im Sommer gemacht hast? In der Wärme meines Autos wachen meine Erinnerungen auf.

 

 

Der Sommer in vollem Gange, Juli, die Sonne scheint, fast endlose Tage und Bikinizeit. Heute lautet der Auftrag – Salz holen in Basel. Ich bin stolz, denn ich fahre 24 Tonnen Salz für unsere Gemeinde Wünnewil. Alles läuft gut, der Vorrat fühlt sich auf, ich kann die zweite Fuhr für die benachbarte Gemeinde fahren. Wenn der Herbst kommt, müssen die Mechaniker die Streufahrzeuge vorbereiten, weil Ende Oktober muss alles parat sein. Der Winter fragt nicht, der Kreislauf im Strassenverkehr kennt kein Halt.

 

 

Und ihr? Mögen sie Winter? Ich mag ihn, obwohl er weiss ist, ist er eigentlich sehr bunt. Die langen Abende ziehen mich ins Kino, ich lese gerne, ich fahre Ski, ich geniesse sehr gerne kuschliges Bettchen und die Ruhe, ich gönne mir verschiede Tee’s und Vitaminbomben, lange gemütliche Morgenessen, meine Küche, ich erledige viele Kleinigkeiten, gehe ins Wellness, wo ich meine Kräfte schone. Ich fahre nicht unnötig mit dem Auto raus, die Welt kann auch ohne mich leben. Flucht ihr über Strassendienst? Die Frau Holle interessiert nicht, ob Kinder von den Chauffeuren ein Konzert haben, ob die Freundin fein essen gehen will oder ob es zwei Uhr in der Nacht ist. Sie müssen sofort ausrücken. Steht auch ihr früher auf…Fahrt früher aus dem Haus raus, nimmt irgendwo Kaffee in alle Ruhe, erledigt die Nachrichten auf dem Handy. Wann habt ihr das letztes Mal eurer Liebe geschrieben: Die Schneeflocken bringen Dir wunderbaren Gruss von mir, ich komme später, ich denke an Dich, ich liebe Dich…und auf einmal ist die Welt schöner, knuddeliger…

Der heutiger Tag und nicht nur der heutiger ist gewidmet allen Kindern der Frau Holle – alles Gute zum Geburtstag…Er ist gewidmet allen Menschen, die darum sorgen, dass wir sicher und gefahrlos fahren können…

 

…IHR MACHT DIE WELT SCHÖNER, INDEM IHR EINFACH DA SEID…

 

 

 

 

 

 

 

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