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Sonntag morgen, der Herbst ist da. Das Wetter bleibt aber weiterhin warm und die Sonne lädt mich nach draussen ein. Ich fahre los, keine 10 Minuten weg vom zu Hause erreiche ich das Ufer der Sense. Der Fluss ist der natürlichste Fluss im nördlichen Alpenraum – 35 Kilometer Wasserwelt, eine wahre Perle. Mein zynisches Ich freut sich sehr – ein natürlicher Fluss in Europa haben wir doch noch!!!

 

 

Ich mache meinen Rucksack parat. Eine Truppe mit Suchhunden für Opfer der Naturkatastrophen trainiert hier in Felsen. Für die Hunde bin ich keineswegs interessant und mein zynisches Ich meint: Das wird heute ein prima Tag!

 

 

Auf einmal stehe ich in hier in der Natur und geniesse die Farben, die nur der Herbst zaubern kann. Der Sommer war sehr lang und heiss und die Sense ist fast nur ein Bach. Viele Menschen haben da ihre Ruhe genossen. Das alles ist aber schon längst vorbei und ich laufe gegen Strom aufwärts.

 

 

Nebel, Stille und Rauschen vom Wasser. Ich freue mich, ich will spazieren und meinen Kopf lüften. Die Sense wird bei uns als Perle Sense genannt. Ihrer Schutz wird viel Aufmerksamkeit gewidmet – WWF, die Bank, aber auch einheimischer Fotograf Michael Roggo, der sie über Jahrzehnten fotografiert und seine Werke ausstellt.

 

 

Ich laufe an ersten Zeichen der Zivilisation vorbei. Die menschlichen Kunstwerke zaubern mir immer ein Lächeln auf der Lippe, die Phantasie kennt keine Grenzen. Und mein zynisches Ich flüstert: Abfall. Ja wohl, dafür habe ich ja mein Rucksack und sammle zusammen. Ich kontrolliere noch die Feuerstelle und finde auch was. Ich muss aber zugeben, trotz vielen Menschen in diesem Sommer ist ziemlich sauber hier. Was alles ich kann, nehme ich mit.

 

 

Ich laufe weiter, mancher Abfall kann ich aber nicht mitnehmen. Ein Säckchen mit Hundekuchen liegt im Wasser, das Wasser ist glasklar, aber tief und meine Gummistiefel-Ausrüstung reicht nicht.

 

 

Die Natur bedankt sich bei mir auf ihre liebevolle Weise. Ich geniesse den wunderbaren Tag, habe Wasser in Stiefeln und mit angenehmen Gefühl von nassen Socken laufe ich weiter. Der Nebel ist weg, die Sonne wärmt meine Wangen.

 

 

Ich schaue mich um und die Ruine von Grasburg verleiht noch mehr an geheimnisvollem Eindruck. Eine grosse Menge von angeschwommenem Holz lässt ahnen, wie stark der Fluss sein kann. Beim Gewitter in den Bergen kann sich der Pegel rasant ändern und die Ämter mahnen immer zur Vorsicht, schon einige Mal mussten Retter ausrücken.

 

 

Die nächsten Momente beweisen, dass ich wieder die Zivilisation erreicht habe. Und was für eine! Ich stehe erneut an der Grenze zweier Kantonen Bern und Fribourg, ich winke auf der Brücke in die weite Landschaft und geniesse als Ausländer in der Schweiz diesen besonderen Moment. Winken macht müde, es ist Zeit, Kräfte zu tanken. Anderes Land, anderes Brauch – anstatt Salz und Brot werde ich herzlich willkommen von Schafen. Ich setze mich auf die Terrasse im Restaurant Sodbach hin, drücke die Hand des Wirtepaares Thomas und Rose und geniesse die Sonne. Ich sitze hier allein, aber das ändert sich bald, die Sonne lädt noch viele Gäste zum Faulenzen ein. Aus geplantem kurzen Aufenthalt werden einige Stunden, ich verquatsche mich echt überall.

 

 

Zeit aufzubrechen, der gleiche Weg, Fluss abwärts, andere Perspektive. Die Sonne hat viele Leute in die Natur gelockt, freundliches Winken und bisschen plaudern und gemütlich laufe ich weiter. Es ist spät am Nachmittag und die Schatten werden länger. Und auf einmal stehe ich wieder vor der anziehenden Kulisse von Grasburg.

 

 

Und mein zynisches Ich grübelt schon: Die Stunde der Geister kommt, bald wird es dunkel, gehen wir doch hin! Heldenhaft fotografiere ich aus sichere Ferne, aber die Idee ist gar nicht so schlecht. Ein kurzer, aber steiler Aufstieg auf 670 m.ü.m. Mein zynisches Ich schwänzelt schon: Und glaubst du an Geister? Ich muss nicht lange nachdenken, selbstverständlich glaube ich an Geister. Sie erinnern mich an die heutige moderne Männerwelt – sie finden dich, sie probieren verschiedene Tricks und Zauber, machen Bu-Bu-Bu und spätestens bei der Frage: Was arbeitest du? Ich fahre 40 Tonnen Schlepper – machen sie sich unsichtbar und geistern ein Haus weiter. Auf einmal stehe ich mittendrin in der Ruine von Grasburg, deren Geschichte bis 1220 reicht.

 

 

Ich finde den Beweis über Existenz von Geistern. Göttliche Getränke, die grossen Bauch und Flügel verleihen. Ein Geist war minderjährig. Ich bin ziemlich enttäuscht wie sich die Geister benehmen, aber mein zynisches Ich lallet schon: Hey Mann und jetzt stellt dir vor, wie sieht es bei denen zu Hause aus!!! Ich will mir nix vorstellen und lieber sammle ich den Abfall und will den Rundgang geniessen. Irgendwo beiseite spielen Kinder. Die modernen Kinder unterhalten sich heutzutage so laut, dass das Brummen eines Kamions von 480 Pferdestärken als ein unschuldiges Gesang klingt.

 

 

Ich bewundere die märchenhafte Aussicht und die Orte, wo ich vor kurzem stand, sehe ich jetzt aus Vogelperspektive. Fast 800 Jahre sind vergangen, wie haben damals die Menschen gelebt? War es einfach?

 

 

Ein weiteres Zeichen, das man nicht übersehen kann. Mein zynisches Ich fragt mich: Was glaubst du, sind die noch zusammen, die Zwei? Das weiss ich nicht, aber ich bin mir ziemlich sicher, falls nicht, wie lange es dauert, bis man die Spuren von Beziehungen ausradiert. Und ich weiss auch, je mehr eine Beziehung intakt ist, desto weniger muss man sie der Welt zur Schau stellen.

 

 

Irgendwo nicht weit entfernt höre ich Glocken. Ich gehe durch den Wald und es begrüsst mich eine zivilisierte Welt, kleines Dorf Länzerhäusern und Kuhherde.

 

 

Es steht sogar ein Abfalleimer hier, der so leer ist und so löse ich meinen Abfall von Geistern hin. Es ist Zeit, nach Hause zu gehen. Wieder steil ab zur Sense.

 

 

Hohe Felsen verhindern die Sonnenstrahlen und die Kälte und Graue machen sich breit. Was ich noch treffe, sammle ich und lande wieder dort, wo am Vormittag alles begangen hat. Ein wunderbarer Herbsttag ist hinter uns. Mein zynisches Ich ist glücklich – wir haben ein bisschen die Welt aufgeräumt und die Socken werden in der Ecke trocknen.

 

Die heutige Frage lautet:

Schleppt ihr auch so weit den Abfall?

Wie sieht es bei euch zu Hause aus?

Und wenn ihr zur Besuch geht, macht ihr dort auch Kamikatze?

Was denkt ihr über die Sense – kann man die nur in der Schweiz haben? Ich denke, die Welt und Natur hat diesen Potenzial überall.

Der heutige Tag und nicht nur der heutige ist gewidmet allen Leuten, die im Herbst geboren sind, alles Gute zu eurem Geburtstag! Er ist gewidmet allen Menschen, die sich in der Natur unauffällig und mit Respekt benehmen.

…DENN IHR MACHT DIE WELT BESONDERS, INDEM IHR EINFACH DA SEID…

 

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Menschliches Leben

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