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Es ist früh morgen, die Sonne lächelt in die ganze Welt. Unser Elswil wacht in neuen Tag auf. Mein zynisches Ich zerrt mich aus dem Bettchen und will einen Ausflug machen. Eigentlich warum nicht?

 

 

Die Autobahn A12 führt mich zur grossen Attraktion in unserem Kanton. Wie immer im Frühjahr wird am Stausee Greyerzersee der Pegel gesenkt und man kann zu Fuss das Inselchen Ile d’Ogoz erreichen. Der Greyerzersee ist mit 13,5 Km der längste Speichersee der Schweiz. Momentan ist er 13 Meter unter Normalstand, auf etwa 664 Meter. Es ist noch früh – der Kapitalismus und Massenproduktion hat seine paradoxe Seite – ich bin hier allein. Die Il d’Ogoz entstand im Jahr 1948 nach Fertigstellung der Bogenstaumauer für den Greyerzersee. Ich geniesse die Sonnenstrahlen, laufe buchstäblich auf dem See und erreiche kurzerhand die Ruine.

 

 

Auch hier, obwohl es ein kleines Stück der Erde ist, herrscht schon buntes Treiben – die Vögel, die Bienen, Herr Schnecke in seinem gemütlichen Gang. Ich steige die Ruine hinauf. Die Türme entstanden irgendwann im 13. Jahrhundert. Ich geniesse die Aussicht – die Golfer golfen schon und jagen ihre Bällchen, die Autobahn bereitet sich auf grosse Ostern-Migration vor. Die ersten Besucher sind langsam unterwegs, die ruhige Oberfläche des Sees lässt die Seele baumeln.

 

 

Die Romantik lädt zum Hinsetzen, eine kurze Pause tut gut. Die Zahl der Besucher nimmt zu, die Kinder haben Ferien. Die kleine Erfrischung ist vorbei, ich kann nicht widerstehen und fotografiere weiter. Die Inseln kann man beim normalen Wasserstand mit Boot erreichen, sie bietet wunderbare Kulisse für Hochzeiten, verschieden Anlässe, Ausflüge.

 

 

Es zieht mich zum Ufer. Unter mir breitet sich 75 Meter geheimnisvoller Tiefe. Was kommt es euch in Sinn? Was verbirgt sie? Ist so tief noch Leben möglich? Und schnell kann man hier auch verschwinden. Fragen über Fragen. Ein Land von über 9,5 km mit 15 Gemeinden, 64 Gebäuden und einem historischen Brücke wurde im Jahr 1948 überflutet und damit kamen neue Aktivitäten: Angeln, Wassersport, Wandern, Tourismus. Der Speichersee dient zur Stromproduktion.

 

 

Ich laufe wieder zurück, weitere Besucher kommen an. Am Parkplatz parkiere ich neben den Abfallkörben. Ob die nützlich sind? Tatsächlich – im ganzen Rundgang war ein Papiertuch am Boden und ein Feuerzeug. Das Feuerzeug habe ich liegen lassen, sichtlich abgestellt. Kennt ihr organisierte Raucher? Guten Tag Fräulein, haben Sie Feuerzeug? Einer wird es sicher brauchen können.

 

 

Mein Ausflug in der Region wird fortgesetzt. Keine 20 Kilometer weiter liegt die nächste Perle unseres Kantons: Schloss Chateau Gruyères. Das Malerische bezaubert mich jedes Mal aufs Neue. Auf einmal taucht man in der Welt des 13. Jahrhunderts ein. Schon beim Eingang schlägt einem über die Nase das, wofür die Schweiz weltbekannt ist: zarter Duft der feinen  Schokolade. Mister Chocolatier bastelt mit begeisterten Kindern die Osterhasen. Die Uhr schlägt zwölf. Die Terrassen werden langsam besetzt, die regionalen Spezialitäten laden zum Verweilen ein. Mal königlich Mittag essen?

 

 

Ich nutze dieses Privileg und gönne mir leichtes Mittagessen – Salat mit Speck, Tomaten und Käse. Die Touristen laufen vorbei und die Sprachen wie chinesisch, russisch, französisch, spanisch und tschechisch klingen mir im Ohr. Mit Schweizer Käse auf der Zunge und der Muttersprache lauschend – was will ich mehr? Mein zynisches Ich stachelt: Sag es genau mit den Tschechen! Na gut, es waren Zentral-Tschechen, nicht von Mähren, wo ich geboren bin. Mein zynisches Ich ist halt sehr patriotisch.

 

 

Motiviert setze ich meine Exkursion fort. Es folgt Museum HR Giger. Mit seiner Art, in die ferne Dimensionen zu schauen, hat der Schweizer Hans Rudolf Giger unvergesslichen Stil erschaffen und wurde für seine Arbeit zur Verfilmung Aliens mit dem Oscar ausgezeichnet. Lust auf Apéro in der Bar Aliens? Ich steige zum Schloss hinauf. Meine Kreditkarte meiner Bank erlaubt uns Mitgliedern freien Eintritt. Ich trete gleich in den Vorhof, wo eine Ausstellung stattfindet. Mein zynisches Ich fragt mich: Wie haben sie damals gelebt? Wie war ihr Tag?

 

 

Ich spaziere durch den Garten, die Prinzessinnen aus anderen Länder lassen sich schnell porträtieren von Mister Telefon. Die Fenster bieten eine Grenze zweier Welten – eine Aussicht aus 14. Jahrhundert in die moderne Welt – die Kühe grasen zufrieden. Obwohl es draussen warm ist, drinnen ist es kühl. Wie kalt musste es im Winter gewesen sein?

 

 

Ein Saal bietet eine interessante Ausstellung an – die Kunstwerke von verschiedenen Künstlern. Eine farbige Darstellung vom Schloss Gruyerés in Augen eines Malers. Ein weiteres Merkmal, das in historischen Stätten nicht zu übersehen und mit der Vergangenheit verbunden ist ( und nicht nur da ) – Kampf, männliche Macht, Schlachten.

 

 

Es ist Zeit, zurück zu gehen. Noch eine Sache, die ihr nicht verpassen solltet: Dessert Doppelrahm mit Früchten. Eine Mischung aus roten Beeren und Rahm serviert auf adeligem Set veredelt umso mehr den königlichen Tag. Die Terrasse des Restaurants lebt – Fondue, Raclette, viele verschiedenen Sprachen. Touristen, Schweizer, mein zynisches Ich und ich – ein Ausländer, der in der Schweiz lebt.

 

 

Alles hat sein Ende und aus dem Hof schaue ich in die moderne Gesellschaft, die mich erwartet. Noch ein Blick zurück –  wie sieht es hinter den Kulissen? Die Leute leben hier ihr Leben auf dem Schloss, geschützt von mächtigen Zinnen.

 

 

Ich fahre nach Hause. Die Dokumenten und Gesetze der Schweizerischen Helvetia warten auf mich. Ich kleide mein Ritterkleid und fahre zu meinen Pferden. Ob wir wirklich anders leben als im 13. Jahrhundert? Mein zynisches Ich brummt, dass wir uns material digitalisiert haben, aber ideologisch? Da sind wir noch in der Wiege des Uralters. Die Realität holt mich ein, aus Prinzessin wird Aschenputtel. Und von Prinzen keine Spur. Ich gebe Gas und wir fahren dem Zürich und Ostern und neuen Abenteuern entgegen. Ich wünsche euch allen erholsame, freie Ostertage. Bis bald.

 

 

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