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Samstag und mein Wecker läutet. Noch bisschen und noch bisschen im Bettchen wälzen. Aber irgendeinmal muss ich aufstehen und zivil angekleidet zur Arbeit fahren. Treffpunkt ist die Tankstelle. Es ist ein Samstag im Jahr, der wir unserer Weiterbildung widmen, das gibt für alle Berufsfahrer gleich. Wir fahren nach Murten, zur Ambulanz Murten. Heute ist auf dem Programm „Rettung auf der Strasse“.

 

 

Auf uns 16 Berufspiloten wartet der Kursleiter Kurt Liniger, der 34 Jahre im Dienst ist und hat über 8500 Einsätze geleistet. Unfälle gibt es immer, das wissen wir alle. Und jeder kann helfen, das Leben zu retten. Im Verlauf des Tages lernen wir an verschiedenen Situationen und Beispielen zu alarmieren, den morgen widmen wir der Theorie wie man mit der modernen Technik und Apps arbeitet.  

 

 

Vormittags sammeln wir eine Menge Infos und ich bin dankbar für prima Pause und Mittag in nahegelegenem Restaurant. Im Klassenraum steht die Kaffeemaschine zur Verfügung und mit guter Laune fahren wir weiter.

 

 

Nachmittag geht es ernst: Wir werden in Dreiergruppen an einem Dolly lernen, einen Menschen zu wiederbeleben. Die Zeit läuft, zu Dritt wechseln wir in regelmässigen Abständen. Es geht um menschliches Leben, 30x Herzmassage und zwei Atemzüge, noch mal und noch mal, sieben Minuten lang. Zum Ende sagt uns die kleine Maschine, ob wir erfolgreich waren. 72% sagt JA, die Erleichterung ist gross und auch andere Kollegen waren erfolgreich. Mal im Ernst, obwohl um nichts geht, es geht unter die Haut. 

 

 

Mein Zynisches Ich flüstert leise: Würdest Du auch deine Arbeitskollegen so retten? Meine Weiblichkeit denkt philosophisch nach: Da ich über 7 Jahre fast immer die einzige Frau im Betrieb mit LKW gewesen bin, kommt es mir so vor, dass es genügend Männer auf der Welt gibt…Und da sie mir manchmal richtig auf die Nerven gehen, denke ich mal ein Mann mehr oder weniger auf dieser Welt… – aus meinen mörderischen Gedanken weckt mich die nächste Aufgabe.

 

 

Wir lernen an diversen Apparaten, fremdsprachigen oder von verschiedener Ausstattung wie man einen Defibrillator aktivieren kann. Wie sieht eine Beatmungsmaske aus? Oder ein Herzschrittmacher? Klein oder gross? Ich staune nicht schlecht, wie fortgeschritten die heutige Medizin ist.

 

 

Unsere Weiterbildung geht weiter. Wie reagieren am Arbeitsplatz, bei Verbrennungen, Schlaganfall? Wir simulieren auch die Situation bei einem Unfall mit Motorradfahrer. Meine Arbeitskollegen sind Feuer und Flamme, handeln aber sehr vorbildlich.

 

 

Am Ende dürfen wir die Fahrzeugflotte der Ambulanz anschauen. Wir sind alle gespannt, denn hinter die Kulissen der Rettungsdienste zu schauen, ist etwas ganz besonderes. In der Station herrscht Ruhe, Kurt zeigt uns den Sanitätswagen und wir staunen nicht schlecht – die Ausrüstung ist schlicht und einfach genial: mobile Apotheke, Ausrüstung für Patienten, eine Webkamera, die den Kontakt zwischen den Rettern und dem zuständigen Arzt im Notfall vermittelt, weitere online Monitoren, GPS etc. Eine Sache ist klar: das schweizerische Gesundheitswesen ist top modern, aber ich lebe schon genug lange hier, um zu wissen, dass so was auch seinen Preis hat: ungefähr viertel Million Franken. Auch das überrascht mich nicht, aber auf die Frage, WER so was finanziert, wenn die Ambulanz mir ihren Einsätzen nur mehr als zwei Drittel decken kann, kommt die schockierende Antwort: durch Gönner und Spenden. Da staune ich nicht schlecht, denn in der Schweiz sind die Gesundheitsversicherungen unbezahlbar, nicht weil sie sich die Gesundheit kaufen können, sondern weil sie so teuer sind und die Ambulanzen sind an Spenden angewiesen. 

Unsere Ausbildung neigt sich zu Ende. Noch freundliches mit Ironie verbundenes Auf-Nie-Wiedersehen, unter diesen Umständen ist das nachvollziehbar. 

 

Bei nächsten Gelegenheit denke ich über die moderne Technik nach und entscheide mich, die angegebenen Standorten mit Defibrillatoren abzuchecken.

 

 

Ich benutze mein App mit Standorten und ich staune nicht schlecht: Als beste Lösung finde ich eindeutig die Bank, die direkt bei Hauptstrasse der Gemeinde Flamatt liegt. In die Bank kommt jeder, die Kamera oben sorgt dafür, dass solche Geräte nicht missbraucht werden.

 

 

Etwa 200 Meter weiter liegt die Turnhalle, dort komme ich aber nicht drin. Ich kenne auch andere Orte, wo die Geräte sichtbar aufgehängt sind – am Arbeitsplatz oder im Gemeindehaus. Mein zynisches Ich philosophiert: Jetzt weiss Du, wo hingehen, wenn es ernst wird. Hoffentlich wissen das auch Deine Mitmenschen. 

 

 

Vielleicht fragt euch, was man als Berufsfahrer auf der Strasse so alles erlebt. Einiges und nicht nur kleine Unfälle. Ich habe Leute auf dem Boden liegen sehen, verschrottete Autos, kleinen Unfall und junge Frau, die aus dem Auto stieg und ihren schwangeren Bauch streichelte. Am Anfang meiner LKW Karriere stand ich bei Strassenbau am Ampel und wartete auf Grün. Aus der Kolonne hinter mir kam ein Motorradfahrer vor mir, sehr gut sichtbar angekleidet, ein Bauarbeiter. Bei Grün ist er losgefahren, ich auch und als ich meinen Blick von Rückspiegel zurück auf die Strasse richtete, lag er 30 Meter von mir auf der Strasse, tot. Ein Genickbruch, ein Auto nahm ihm Vortritt. Die Menschen dort haben sofort reagiert, aber jede Hilfe kam zu spät. Ein 27-jähriger Mann ist gestorben und für wie viele Menschen hat sich das Leben an diesem Tag geändert. Ich habe keine Fotos, denn solche Sachen fotografiert man nicht, hier kann ich nur helfen oder weiter fahren und die Leute, die das verstehen, in ihrer Ruhe arbeiten lassen.

 

Die heutige Frage lautet:

Welchen Wert hat überhaupt ein menschliches Leben in heutiger Gesellschaft?

Hand auf’s Herz: Wisst ihr, wie man das Leben retten kann?

Was denkt ihr über solche Weiterbildungen, die wir Berufsfahrer absolvieren? Ich mag sie gerne, ich lerne was Neues und lerne neue Leute kennen.

Was denkt ihr über die moderne Technik und Apps, die uns die Hilfe erleichtern?

Der heutige Tag und nicht nur der heutiger ist gewidmet mit tiefen Respekt allen den Menschen, die schon ein menschliches Leben gerettet haben, die keine Angst hatten und gingen los. Er ist gewidmet allen den Rettern, die unermüdlich im täglichen Kampf im Strassenverkehr die Hilfe leisten.

 

…IHR MACHT DIE WELT BESONDERS, INDEM IHR EINFACH DA SEID…

 

 

 

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