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Der Sonntag ist da, ein wunderbarer Tag kündet sich an. Bei uns in Elswil blüht der Frühling unaufhaltsam in vollen Zügen. Ich mache meine Ausrüstung parat und fahre nach Sangernboden und freue mich, was für Märchen ich erleben darf. Auch wenn hier der Weg führt, ist schon nach kurzer Zeit die Strasse zu Ende. Jetzt geht es aus eigener Energie den Berg hinauf. Ich nehme meine Tourenski und lege los Richtung Hütte Salzmatte.

 

 

Im guten Tempo laufe ich an der Hütte Schönenboden vorbei. Die Tafel 30 km/h weckt bei mir Erleichterung, denn schneller könnte ich wirklich nicht gehen. Und schon der nächste Befehl – nur für Berechtigte. Mein zynisches Ich fragt mich neugierig: Sind wir berechtigt? Ich schmunzle, wir sind zwar Ausländer, aber im Grunde genommen gehöre ich zum Inventar im Land des Helvetischen Kreuzes. Mein zynisches Ich ist zufrieden: Recht hast du, was würden die ohne uns machen, wäre doch langweilig gewesen!!! Belustigt laufe ich an dritter Tafel vorbei, die ist aber im Winter mehr oder weniger irrelevant. Eher mehr als weniger. Ich geniesse den Schatten im Wald, weil die Sonne schon sehr kräftig scheint. Die Vögelchen zwitschern, die Bienen arbeiten, auf 1300 m.ü.m wacht das Leben richtig auf.

 

 

Ich sehe die Militärbasis der Schweizer Armee. Ihr gehört die ganze Gegend. Die Sonne brennt, ich schwitze die Sonnencreme und in der Ferne sehe ich mein Ziel – Hütte Salzmatte. Aber bis dahin ist es noch ein Stück. Ich laufe an der Hütte Geissalp vorbei und die Steigung nimmt zu. Es ist Zeit für eine kurze Pause und mit Hand voll Mandeln meine Energie zu unterstützen. Ein kurzer Blick zu Mähre. Vor einem Monat ist am Hang in der Lawine ein 52 – jähriger Mann gestorben.

 

 

Ich starte in die letzte Etappe und steige auf 1637 m.ü.m hinauf. Noch ein Blick zu Hütte Grossriederhuus, erinnert euch? Von hier aus haben wir die Rinder auf die andere Seite des Berges Kaiseregg gejagt. Kaum zu glauben – gute 3 Stunden Marsch sind hinter mir. Ich erreiche Salzmatte, noch eine kurze Begrüssung zu Ihrer Majestät Kaiseregg. Die fantastischen Bedingungen laden zum Skifahren ein, die Lifte laufen, die letzte Woche der Wintersaison 2018/2019 ist da.

 

 

Der Winter kommt ins Schwarzsee immer, nur weiss niemand wann und was daraus wird. Vor den Weihnachten kam er in voller Parade, die Weihnachten fielen ins Wasser. Mit Hilfe der Schneekanonen kann man praktisch gut Ski fahren, der Hang von Kaiseregg wurde erst Mitte Januar geöffnet. Es mangelt nicht am Schnee, es gab viele sonnige Tage, aber diesjährige heftige Windstürme haben die oberen Lifte manchmal ausser Gefecht gesetzt. Das ist zu gefährlich. Ich laufe aber schon zur Hütte – die Feier ist im vollen Gang, unser Skiclub Enzian verabschiedet von der Saison. Von der Piste ist die Hütte gut erreichbar. Die Salzmatte ist meine Herzensangelegenheit – ich durfte einige wunderbare Momente erleben.

 

 

Die Salzmatte fällt in Obhut der Schweizer Armee. Ihr Alter wird auf 200 Jahre geschätzt. Unser Skiklub verbringt über 40 Jahre hier die Winterwochenenden. Damit sind verschiedene Aktivitäten verbunden wie Rennen, Fondue Abend oder nur Plausch auf der Terrasse. Es sieht zwar gemütlich aus dort draussen, aber möglich ist es erst gegen Ende Januar, hier auf 1637 Metern sagt die Natur wie es geht.

 

 

Ich durfte in Salzmatte mal in Februar übernachten. Ich habe mich in der Winterschulferien um Lauf der Hütte für unsere Skiklubmitglieder gekümmert. Vergisst alle Errungenschaften der modernen Gesellschaft. Hier gibt es kein Internet, die Elektrizität kam etwa im Jahr 2012, Wasserhähnen? Das kann man im Winter nicht drehen – gefroren. Das Wasser muss man von der Brunnen draussen holen, falls man Glück hat und sie nicht von Schnee verweht ist. Das Wasser muss ich auf der Herde kochen, vorher habe ich bereits geheizt. Das Holz haben Männer im Sommer vorbereitet. Grossvater Frost malt auf das Fenster eisige Blumen und ich höre das Prasseln im Ofen, das Heulen der Bise im Kamin und bei Kerzenlicht geniesse ich Käsefondue. Mein zynisches Ich lallet noch: Schreib noch, wohin man kacken geht!!! Gute Frage: Trockenhäuschen, Toilettenpapier genug. P.S Nix für Tussis…

 

 

Salzmatte kann aber verschiedene Überraschungen vorbereiten. Mancher Winter ist so hart, dass man die Hütte erst ausgraben muss, es kann sich um Stunden handeln. Bis man das Wasser aufwärmt, das Essen für Klubmitglieder vorbereitet!!! Eine Menge Arbeit. Die Lebensmittel bringt man vor dem Wintereinbruch hinauf, dann könnte es schon spät sein. Unsere Kuchymannschaft hat es bestens im Griff und die Menüs sind echt sternfähig. Kennt ihr das – der Hunger ist der beste Koch. Noch einen feinen Kaffe Enzian mit Aprikotin – man fährt dann schneller runter!

 

 

Die Ostern kommen und damit ist vorbei unsere Zeit in Salzmatte. Die Armee übernimmt den Schlüssel und wird im Gebiet ihre Übungen durchführen. Bis der Sommer kommt und der Bauer mit Tieren. Aufgewärmt durch meine Erinnerungen verabschiede ich mit von Enzianern, die runter zur Piste fahren und ich steige noch mehr hinauf. Auf Hohmattli, 1794 m.ü.m. Die Uhr zeigt 16:30, die Liften stehen. Die ersten Krokussen lächeln in die Welt. Feine Bise zaust meine Haare. Die Schatten werden länger, der Berg voller Märchen geht ins Bett.

 

 

Auf die Piste fahren PistenBullys und für die Männer von Kaisereggbahnen AG fängt die Nachtschicht an. Sie werden lange bis in die Nacht „den Cord nähen“ für uns, Skiliebhaber. Ich gehöre auch zu Skibegeisterten, ich habe es hier im Schwarzsee gelernt mit 24 Jahren und bin bis heute den Pisten treu. Im Skifahren geht es nicht darum, wie viel mal ihr runterfällt, sondern wie oft ihr aufsteht. Skiregion Schwarzsee ist wie geschafft für Skifahren, es ist nicht streng und überwältigend, aber ist einfach zu erreichen, familiär und ich unterstütze gerne unsere Region. Skifahren ist in der Schweiz sehr teuer, für hohe Alpen bracht es viel Zeit, Organisation und vor allem Geld.

 

 

Die Stille breitet sich aus. Die Sonne geht am Schwyberg runter. Ich laufe zwischen Pferdebällchen, es ist 19.00, die Tage werden länger und länger. Ein leises Heulen der Eule, Zeit runter zu fahren. Der aufgetauchte Schnee ist eisig geworden, ich fahre zu Salzmatte. Aber weiter durch’s Tal mit der Dunkelheit bis zu meinem Auto ist nicht möglich. Mein zynisches Ich befiehlt mir: Ab ins neue Abenteuer!!! Ich setze alles auf eine Karte – auf die Piste bis runter in Schwarzsee in der Hoffnung, dass vielleicht noch paar Leute in der Bar sein werden und mich zum Auto fahren könnten. Die Männer mit PistenBullys erledigen ihre Arbeit perfekt. Ich fahre unter Millionen Sternen auf tadellos genähtem Cord.

 

 

Und schon runter angekommen, treffe ich sofort einen ehemaligen Chauffeur Kollegen mit seiner Freundin. Ich zahle eine Runde in der Bar und werde zum meinem Auto gefahren. Ein wunderbarer Tag und Märchen ist hinter uns, bisschen Glück und alles ist prima. Kommt es euch unverantwortlich vor? Ich kenne diese Region, ich kenne auch die Einheimischen, die PistenBullys arbeiten abends sehr hoch auf dem Berg. Und im schlimmsten Fall ist im Schwarzsee noch Hotel, das Geld hab ich bei mir. Es ist alles so, wie es sein soll.

 

Wenn ich spät in der Nacht nach warmen, ausgiebigem Essen müde einschlafe, mein zynisches Ich flüstert: Das war heute ein wunderbares Märchen!!! Das war es. So wie immer im Berg voller Märchen. Und ich freue mich schon jetzt auf das nächste. Freut euch mit mir. Gute Nacht, die Welt.

 

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Schafscheid Jaun 2018

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