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Die Nächte werden kälter und länger. Der Alltag geht unaufhaltsam vorwärts und langsam schleicht sich der Herbst ein. Es ist Zeit, voller Dankbarkeit dem Berg auf Wiedersehen zu sagen. Gepflegt, heraus poliert kleide ich mein Dirndl an.

 

 

Ich fahre nach Jaun, ein Dorf auf 1015 m.ü.m. mit etwa 700 Einwohnern. Es ist Montag, viele Leute kommen an, deutschsprachig, frankophon, Touristen. Heute ist ein grosser Tag. Die Bauer kommen mit Schafen zurück ins Tal nach vier Monaten Sömmerung auf den Gipfeln der Freiburger Alpen und heute ist die 424. Ausführung dieser Tradition, die hier im Jaun im Jahr 1594 begonnen hat. Mein zweites zu Hause, die Helvetia wird sich von der Seite zeigen, die ich am liebsten habe.

 

 

Der Morgen fängt mit kleinem Markt an, es wird verhandelt, gewogen, diskutiert, gefolgt vom aufgeregten, fachlichen Austausch unter Bauern und Händlern. Das sonnige Wetter lockt viele Neugierige und Landwirtschaftsliebhaber hierher.

 

 

Der Fest wird von Musik begleitet, am Strassenrand bieten verschiedene Ständer herkömmliche Produkten an, ein Märit, der einfach zu solcher Parade gehört und die Bauer werden unter den Zuschauern zu richtigen Stars. Es wird nachgefragt, geplaudert, gelacht.

 

 

Um 09.00 kommt die grösste Herde an, geführt von jungen, starken Bauern. Diverse Rasen, gesunde Tiere, die Herde zählt rund 400 Tiere, die von hier aus zu ihren Besitzer zurückkehren. Eine schöne Vorschau, aber erst jetzt fängt die Arbeit an. Anfangs hilft die Farbe, dann die Ohrmarke, gefolgt von Papierkram, vor dem sich heute nicht mal der Bauer retten kann.

 

 

Ein grosser doppelstöckiger LKW ist parat, alles läuft reibungslos, eingespielt. Nur einige Kilometer von hier liegt die kantonale Grenze zu Bern, die Strasse führt zum Jaunpass, der im Winter nicht befahrbar ist und im Sommer eine kurvige Herausforderung für die Chauffeure.

 

 

Eine kurze Pause, Erfrischung und die Arbeit kann weiter gehen. Gleiches System, gleicher Ablauf, die Wärme macht sich bemerkbar. Traktoren, Anhänger, klein oder gross, die Männer haben schon alle Nummer kontrolliert und es geht schnell vorwärts. Die Türen schliessen zu und das war‘s.

 

 

Am Ende bleibt noch eine kleine Herde übrig. Das sind die Einheimischen und zwei Schafhunde, die die Schafen den ganzen Sommer auf der Alp behütet haben. Vor sieben Jahren schlug unerwartet hier in Freiburger Alpen der Wolf ein. Enorme Verluste an Tieren haben diese Initiative ins Leben gerufen und die Hunde haben sich gut in Alltag auf dem Berg bewährt. Unterhalb der Strasse wartet auf sie eine schöne Weide und falls es Wetter erlaubt, bleiben die Tiere fast bis Mitte November draussen.

 

 

Die Schafen sind sehr beliebt für Ihre einfache Art. Sie sind nicht wählerisch und grasen alles. Das kann man nicht über die Ziegen behaupten, im Gegensatz zu den Schafen sind sie wählerisch fast zu viel. Es ist wie die Frauenwelt: Je wählerischer eine Frau, umso grössere Ziege sie ist.

Zufriedene Gesichter der Männern und es wird gefeiert, getrunken und für heute gelten einfach andere Regeln: Heute ist Schafscheid, morgen nimm doch frei und am Mittwoch gehe direkt zur Arbeit.

Es ist längst nach Mittag, die paar Restaurants haben voll zu tun. Verschiedene Köstlichkeiten locken zur hinhocken. Ich finde es in Ordnung, denn es gibt in solchen Orten auch Tage, wo es ganz anders aussieht. Ich tausche mich mit bekannten Bauern aus. Die Hitze hat vielen Probleme bereitet, das Wasser musste hergeflogen werden.

Fragt jetzt, wie es weiter geht? Die Berghütten werden geputzt, die Zäune aufgeräumt.

Ein bitteres Beigeschmack bleibt trotzdem: Der Sommer war enorm heiss und trocken, der Gras in Tälern wächst nicht mehr nach. Die Bauer stossen an ihre Grenzen und müssen sich einer der grössten Herausforderungen stellen: Wie überleben sie den Winter, wo das Futter kaufen, was mit allen Tieren? Fragen und Ungewissheit, deren ich mich nicht stellen möchte.

 

 

Für mich geht heute eine weitere wunderbare Geschichte zu Ende. Ich bin müde, aber glücklich, denn ich durfte dabei sein. Viel Arbeit mit den Fotos wartet auf mich. Der Herbst ist da, die Natur wird sich in einen farbigen Mantel kleiden. Und ich werde darüber nachdenken, wo ich euch das nächstes Mal mitnehme, hier im Berg voller Märchen.

 

Die heutige Frage lautet:

Habt ihr auch schon an einer solchen Tradition teilgenommen?

Was hält ihr davon?

Der heutige Tag und nicht nur der heutige ist gewidmet allen den Bauern und Helfern, die bei solchen Anlässen auftreten und der Gesellschaft zeigen wie wunderbar eine Tradition sein kann. Die der Welt zeigen, wie wichtig es ist, die Landwirtschaft und die Natur zu schätzen.

…DENN IHR MACHT DIE WELT BESONDERS, INDEM IHR EINFACH DA SEID…

 

 

 

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…Wenn die Glocken läuten…

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Salzmatte 1637 m.ü.m

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4 Antworten zu “Schafscheid Jaun 2018

  1. Ich finde diesen Blog sehr gut und interessant👌Ich selber wohne bei meinen Eltern in Jaun und erlebe den Schafscheid jedes Jahr, aber bei mir herrscht jedes Jahr wieder eine riesen Vorfreude

    1. Guten Tag Julia, ich danke Ihnen für Ihren Kommentar, Sie sind die erste, die was kommentiert hat und Ihre Worte geben mir Mut, weiter zu machen. Ich wünsche Ihnen schönen Tag und der Schafscheid gehört zu Jaun. 👌🏼😉👌🏼

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