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Ein wunderbarer, sonniger und friedlicher Abend im Berg voller Märchen. Ich spüre den Wind in meinem Gesicht, ich beobachte den Velofahrer, der in die gleiche Richtung pedalet. In der Gegend läuten Glocken, ich geniesse die Ruhe, einige Leute sitzen auf der Terrasse.

 

 

Gut gelaunt steige ich hinauf zur Hohmattli. Ich will den Sonnenuntergang fotografieren. Den Sommer 2018 geniessen hier etwa 40 Pferde. Hohmattli ist das Jahr von starken Dürren geplagt, die Schweizer Militär transportierte mithilfe der Helikopter das Wasser hinauf. Die Stille im Berg voller Märchen breitet sich aus, ich spaziere unauffällig zwischen den Pferden.

 

 

Der Tag neigt sich langsam zu Ende, ich setze mich ins Gras und beobachte gemütlich, wie die Sonne zum Horizont schleicht. Und mein zynisches Ich flüstert: Schwyberg… Ja, Schwyberg, der Hügel gegenüber, die einfache Linie am Horizont, der Ort, um den man schon lange kämpft. Die Sonne verschwindet und auf der andere Seite dieser Welt fängt der Tag an.

 

 

Der dunkle Mantel der Nacht deckt liebevoll den Berg voller Märchen. Die Salzmatte schläft auch langsam ein, ist sie nicht wunderbar? Im Auto fahrend, lasse ich meinen Gedanken freien Lauf und denke über meine nächste Tour nach.

 

 

Sofort es mir die Zeit erlaubt, packe ich meinen Rucksack und fahre Richtung Restaurant Gurli. Von hier aus fängt meine Forschung auf dem Schwyberg an. Es ist Montagmorgen, ein wunderbarer sonniger Tag liegt vor mir, gelegentlich laufen Touristen. Ich laufe nicht langen und wenig anspruchsvollen Weg über den Hügel und suche nach der Gründen und Konflikten um das Stück der Natur.

 

 

Ich gehe an einer Herde Rinder vorbei. Schon kommt die nächste Hütte – Restaurant Grosses Schwyberg. Der Hirt kümmert sich um 110 Tiere. Das Restaurant ist geschlossen, am Montag hat die Küche frei.

 

 

Ich laufe weiter, die Sonne scheint, ich lege eine kurze Pause ein. Der Hauch der Brise zaust meine Haare. Der Hauch kann sich in starken Wind verwandeln. Und genau der ist der Grund, warum man um Schwyberg streitet. Im Jahr 2006 hat man das Projekt *Windpark Schwyberg* ins Leben gerufen. Neun grosse Windmühlen sollen die Energie für Kanton Fribourg herstellen. Pläne, Rechnungen, Kalkulationen, wo die schwere Technik fahren soll. Die Naturschützer wehren sich und das Oberste Gericht in Lausanne entscheidet für das Wohl der Natur. Wie die Naturschützer sagen – die Windmühlen können eine gute Energiequelle sein, aber nicht hier am Schwyberg. Sie würden das Gesamtbild der Natur stören, verschiede Vogelarten würden ihr Rückzugsort verlieren.

 

 

Ich laufe weiter und kurzerhand erreiche ich Fuchses Schwyberg, das Ziel heutiges Tages. Die Biker kommen an, die Mühe hat sich gelohnt. Eine wunderbare Aussicht zum Schwarzsee, Kaiseregg und Hohmattli. Ich setze mich hin und beobachte die Schönheit. Könnt ihr euch hier die Turbinen vorstellen? Früher hat man da Ski gefahren, im Jahr 1999 hat der Orkan Lothar alles zerstört, der Lift wurde nicht mehr erneut.

 

 

Ich kehre zurück. Der gleiche Weg, eine andere Perspektive. Ich denke an meine Ferien in Fuerteventura, wo ich unter solchen Turbinen gestanden habe. Lärm, eiserne, in die Nacht leuchtende Kolosse. Aus meiner Gedanken wecken mich vorbeifahrenden Velofahrer.

 

Schon von Beginn an verfolge ich dieses Projekt. Mein zynisches Ich versteht das nicht: Müssen wir immer die Natur entstellen? Sie ausrauben? Um jeden Preis? Um Preis der Energie, der Menschheit, der beleuchteten Schaufenster, leuchtender Städte? Vom Wind ist keine Spur, der hitzige, fast mühsame Sommer 2018 ist vorbei.

 

 

Der Herbst schleicht sich unauffällig ein, die Tage werden kürzer, der Nebel raubt uns die Sonne. Ich fahre schnell die Berge begrüssen und mich zu entspannen. Ich steige zu Hohmattli hinauf und suche den Weg zwischen den Pferdebällchen. Oben angekommen, sehe ich eine seltene Szenerie.

 

 

Unter mir liegt die apokalyptische Welt, auf einmal ist alles weg – die Städte Fribourg und Bern sind verschwunden. Nur die Gipfel und ich, die naheliegenden Berge ragen aus und geben mir das Gefühl eines Überlebenden. Auch Schwyberg steht hier – ruhig, gelassen und doch so verletzlich. Die Kälte macht sich bemerkbar, die Sonne will auch schlafen gehen, noch schnell die Sterne berühren und schon springe ich runter und fahre zurück in die Zivilisation. Und so wie immer nach diesem Anblick denke ich umso mehr an Schwyberg.

 

 

Über zwanzig Jahre lebe ich in der Schweiz und besitze eine ausländische Bewilligung. Ich bin apolitisch, mit meinem ausländischen Status darf ich auch nicht zu Wahlen. Trotzdem liegt mir Schwyberg am Herzen. Es wurden Studien angefertigt, die beweisen sollen, wie es effektiv sein wird, die Turbinen oben zu bauen, wie viel Wald müsste gerodet werden. Die Anwälte kämpften an allen Barrikaden, das Gericht in Lausanne liess das Mal Schwyberg gewinnen. Für ein Mal hat die schweizerische Justiz endlich wieder was gut gemacht, nicht immer ist das der Fall. Aber wie lange noch? Obwohl ich nicht wählen gehen darf, mein Blog ermöglicht mir, mich frei zu äussern und meine Meinung zu vertreten. Ob die Schweizer überhaupt wissen, wie einfach es ist, die Schönheit zu zerstören und dann langwierig wieder herzustellen? Ob die Menschheit überhaupt weiss, wie verletzlich die Natur ist?

 

 

Der mässige Winter 2019 kam, ich gehe gelegentlich Skifahren. Die Winterzeit kostet viel Energie, die Tage sind kürzer, wir benötigen Wärme, mehr Licht. Ich besuche wieder Mal Hohmattli mit Tourenski – wie auch immer bietet sie mir eine atemberaubende Aussicht und Sonnenuntergang, eine frierende Nase und Schwyberg. Und der gnädige Mantel der Nacht bedeckt den Berg voller Märchen.

 

 

Im Mai kamen überraschend die eisernen Männer, es gab noch mal richtig Schnee. Und natürlich kommt die Jahresabrechnung für die Elektrizität. So wie immer verdient der Grossanbieter nicht viel mit mir. Ich lebe punkto Elektrizität ganz günstig. Ich besitze kein TV und Radio, dauerhaft ist nur das Kühlschrank und mein Laptop angeschlossen, im heissen Sommer dann Ventilator, im Winter koche ich gerne Tee mit Wasserkocher. Ein Jahr ist vergangen seit meinem Ausflug auf Schwyberg. Die Erinnerungen wachen auf, ich schnappe meine Kamera und fahre zum Schwyberg. Dieses Mal starte ich direkt bei dem alten Lift und gemütlich steige ich hinauf.

 

 

Ich geniesse die Aussicht und wissend, dass heute dieser Ausflug schnell vorbeigeht, laufe ich ein bisschen anderen Weg als den Wanderweg. An einer versteckten Hütte ist der Weg hier zu Ende. Da ich aber die Kuhglocken nicht weit entfernt höre, kratze ich mich durch den Wald. Na, so intelligent war es nicht, aber die Natur bietet mir ihre Pracht. Die wilden Erdbeeren, Himbeeren, die Pilzen.

 

 

Ich muss jetzt die Weide mit Kühen aufsteigen. Ich lege eine kurze Pause ein und kaue am Apfel, bestaune die Hohmattli, den mächtigen Kaiseregg. Der Sommer 2019 neigt sich langsam zu Ende. Ich laufe weiter und sehe die Kuhherde. Kühe mit Kälbern grasen da und der Wind nimmt zu. Vor mir liegt Fuchses Schwyberg, die Sonne fällt hinter die Wolken, die Schatten werden länger. Der Wind ist kalt, ich muss eine Jacke anziehen.

 

 

Die Bergwelt will schlafen gehen, ich will auch zurückkehren. An der nächsten Hütte vorbei ist wieder angenehm warm, vom Wind keine Spur. In der Nähe donnert es, das Gewitter kommt. Ich schaue den Himmel über Schwyberg und er bietet mir imposanten Anblick. Die Wolken streifen durch die endlose Weite. Gute Nacht, Schwyberg.

 

 

In der Nacht im Bett denke ich, obwohl mir der Sonnenuntergang verweigert blieb, war es ein schönes Märchen. Mein zynisches Ich schweigt.

 

 

 

Nächsten Tag fegt starkes Gewitter durch unsere Gegend. Schwyberg hüllt sich in Wolken, der Wind peitscht. Mein zynisches Ich fragt mich dummerweise, warum wir denn an den Dächern unserer Häuser keine Turbinen haben. Es weht jetzt ja der Wind. Weil es nicht schön aussehen würde? Und in der Natur sieht es schön aus? Ich weiss nicht, was ich antworten soll und gehe laufen.

 

 

Der Schwyberg steht still in der Ferne. Ich laufe an der A12 vorbei und denke nach, wie viel Dachfläche von Autos, LKW’s, Caravans noch unbenutzt bleibt.

 

 

Unterwegs im Auto oder Kamion, in den Ferien muss ich manchmal meine Geräte laden. Mein Auto hat noch nie was über Elektrik gehört, dazu ist es zu alt. Aber ich kann alles problemlos laden. Wie so? Ich verstehe es nicht.

 

 

Ich denke an Schwyberg. Ein stiller Hauptdarsteller, der sich nicht wehren kann. Wer gibt uns das Recht, über ihn zu entscheiden? Bei den Erinnerungen an mein Fotoshooting dort oben höre ich leises Gebet von Schwyberg:

 

…Ich gebe euch und euren Tieren die Ernährung…eine wunderbare Aussicht…die Möglichkeit, sich sportlich auszuleben…Lebt eures Leben und lässt mein sein…

 

Im Jahr 2020 habe ich Schwyberg nicht besucht. Die P(l)andemie und deren Auswirkungen zogen viele Menschen in die Natur und da Schwyberg einfach ist, freute er sich grosser Beliebtheit. Und neuer Herausforderung – er gilt als Mekka der Biker, es entstanden illegale Wege, die Tierwelt verliert ihre Ruhe. Und mittlerweile wird neue Initiative gegründet – für gepflegte Wege und um die Natur zu schützen.

 

 

Mein zynisches Ich fragt mich wieder: Du, so ein Hügel und schon hat er Anwälte, Schützer, Befürworter für Windpark, Gegner… Ja, so läuft das in der Schweiz. Und wenn das Gericht entscheidet, dass man hier nicht bauen wird? Dann geht man neue Orten suchen und macht neue Studien, auch für Schwyberg. Denn laut Medien ist 70 % der Bevölkerung für den Windpark. Aber uns hat ja niemand gefragt? Nein und 65 % wissen nicht mal, wo Schwyberg liegt, aber wollen aktiv mitentscheiden.

 

 

Jahr 2021 und 2022 brachte so manche Herausforderungen. Nur waren wir aus einem Schlamassel raus, kam der nächste. Hauptthema ist die Energie, die Isolation ohnehin, jetzt ist im Vordergrund hauptsächlich die Sonnenenergie für Bau und Elektromobilität. In meiner Arbeit treffe ich einige Trends und selbstverständlich – einige überzeugen mich nicht, bei anderen frage ich mich, warum sie schon nicht früher da waren.  Ich selbst für mich vertrete die Meinung – Sparsamkeit. Es gibt autofreie Tage, muss nicht jedes Jahr fliegen, Weihnachten feiere ich in kleinem Rahmen. Und je älter ich werde, umso weniger benötige ich.

 

 

Und wie weiter? Vorwärts, gemütlich und sparsam. Unsere Gemeinde löscht in der Nacht das Licht. Unterwegs an Autobahnen vorbei namhafte Unternehmen können auch in kleinem Rahmen sichtbar sein. Dass ausgiebige Weihnachtsdekoration den Schnee nicht garantiert, hat man auch schon begriffen.

 Kennt ihr das Zitat: Der letzte löscht das Licht? Da wird das Licht ewig brennen, den es gibt keinen „letzten Menschen“ auf dieser Welt. Wann habt ihr letztes Mal bei Kerzenlicht mit eurer Liebe, Kollegen oder so ähnlich das Abendessen genossen? Wann habt ihr am Abend, so müde einfach alles liegen lassen und nur die Augen geschlossen und geschlafen? Braucht man dazu unbedingt Elektrik und Licht? So löscht das Licht – für Schwyberg.
…DENN IHR MACHT DIE WELT BESONDERS, INDEM IHR EINFACH DA SEID…

 

 

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Wanderung Alpiglenmähre und Widdersgrind

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