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Eine neue Reportage aus dem Archiv über meinen Reisen rund um die Welt entführt uns nach Sizilien im Jahr 2010. Drei Wochen Ende September werden ganz besonders und werden mich noch lange prägen.

 

 

Insel Sizilien ist die grösste Insel im Mittelmeer. Warum Sizilien? Ich durfte schon vorher zweimal diese Insel besuchen als Pferdepflegerin. Mit damaligen Chef Beat haben wir regelmässig an Turnieren in Europa und vor allem in Italien teilgenommen. Solche Reisen mit Pferden sind ein enormer Aufwand beiderseits, über Wochen. Die Erinnerungen und Siege bleiben unvergesslich. Und soeben dieser in Catania in 2000, wo der Vulkan Ätna im Hintergrund ausbrach und wir den wohlverdienten Sieg in Gran Premio bei ausgiebigen Bankett gefeiert haben. Genau das war der Grund, warum ich Sizilien auch privat besuchen wollte.

Zu dieser Zeit war es für mich finanziell noch unmöglich, sich in den Ferien ein Auto zu leisten. Also ging ich mit dem Rucksack auf gut Glück. Mein zynisches Ich und die fast endlose Naivität soeben eingepackt.

 

 

Der Flug geht ganz gemütlich und nach zwei Stunden von Zürich aus erreicht man Palermo. Weiter geht es mit dem Bus nach Castellammare del Golfo. Da ich wirklich nur auf mich angewiesen war, wählte ich eine Rohbau, wo ich übernachtete. Zu meinem Erstaunen war ich aber nicht die Einzige hier. Zwei Männer aus Bangladesch hatten hier Matratzen, bei schönem Wetter verkauften sie verschiedene Artikel auf dem Strand. Zwei regnerische Nächte und gemütliche Tage lassen mich erholen.

 

 

Meine erste Destination, die ich besuchen will, ist Naturpark Riserva dello Zingaro. Beim Ranger am Eingang namentlich eingetragen, erforsche ich die Küste. Ich wähle den kürzeren Weg, der Tag ist angenehm warm, ich geniesse den kurzen Spaziergang am türkisblauen Meer. Nach paar Stunden ist mein Besuch vorbei.

Am darauffolgenden Tag geht mein neuer Abenteuer an der Küste mit weissem Sand weiter. Die Kletterer und einige Touristen sind da. Ich besteige den 532 m hohen Gipfel Monte Monaco. Die Aussicht ist grandios, ich kann die wunderbare Küste und die Ebene von San Vito lo Capo sehen. Der kleine Aufstieg hat sich definitiv gelohnt.

 

 

Ich ziehe weiter per Autostop nach Ortschaft Trapani. Von hier aus werde ich mit paar Touristen und Einheimischen mit Boot zu der nächsten Tour gebracht – kleiner Insel Marettimo. Auf mich wartet der Monte Falcone, 686 m hoher Berg. Ein schneller Aufstieg mit wunderbarer Aussicht über die Insel, wieder zurück zum Boot und ich lande im Marsala. Da erhole ich mich am Strand, das Hotel im Hintergrund ist noch nicht fertig gebaut, der Strand ist voll Algen.

 

 

Weiter geht es mit Bus. Ich besuche die antike Stadt Selinunte mit zahlreichen monumentalen Tempel. Die Szenerie überlasse ich den vielen Touristen, die gerade mit dem Bus angekommen sind. Mich zieht es weiter, denn zu dieser Wanderung gehört soeben Naturschutzgebiet an der Belice – Mündung. Ich geniesse die Ruhe, die Schönheit der Natur.

 

 

Meine Ferien gehen vorwärts – der Bus bringt mich viele Kilometer in Stadt Gela. Ok, so einfach ging es nicht, ich musste in Agrigento umsteigen. Ich stand an der Bushaltestelle, wo mich der vorherige Chauffeur rausgelassen hat. Ich wartete und als der Bus kam, fuhr er an mir vorbei! Mein zynisches Ich winkt hysterisch, Bus hält etwa 100 Meter weiter an und ich steige erleichtert ein. Der Chauffeur schaut mich an, ob ich wirklich mitfahren will – ja klar doch, laufe nicht zu Fuss! Genau das ist Italien, die südländische Mentalität. Doch noch in Gela angekommen, werde ich kurz am Strand verweilen, Kräfte tanken. Ein Idiot glaubt, mich betatschen zu dürfen, eine gut sitzende Ohrfeige und fertig lustig.

 

 

Mit dem Bus geht es weiter – oki, es geht nochmals auf italienisch. Ich will nach Noto, das heisst Bahnsteig Nummer 1. Ich wurde von der Mama in Infoglasbox angewiesen, aber Bus kommt nicht. Oki, die verkürzte Version = wir hatten Krach noch, ich habe Busschauffeure gefragt und es war Busshaltestelle 7. Egal, ich sitze im Bus. In wähle Ort Noto aus für die nächste Tour – eine 14 Km lange Wanderung in Paradies für Vogelbeobachter – Naturschutzgebiet Riserva Naturale Orientata di Vendicari – wichtiger Nist und Rastplatz verschiedener Vogelarten wie Kormorane, Flamingos und Pelikane. Dazu kann man wunderschöner Spaziergang an alten Thunfischfabrik Tonnara du Vendicari unternehmen, die bis 1943 Thunfische verarbeitet hat.

Die Zeit zum Erholen kommt. Ich marschiere zurück nach Noto. Die Strände in Sizilien sind wunderbar, sauber, der Sand so geschmeidig. Ich treffe am Strand ein, wo ich nur eine Frau sehe, dafür umso mehr Männer. Ich setze mich hin und will nur kurz verweilen, weil es mir bisschen zu viel ist – so viel Männer. Aber dann passiert etwas, was mich zum Lachen bringt – die Männer haben sich geküsst – Ich befinde ich mich am Strand voll homosexueller Paare. Es gibt nicht Schöneres für eine Frau in den Ferien als sowas. Dem Nacktbaden steht nix im Weg, ich interessiere niemanden. Ein netter Herr bietet mir freundlicherweise die Fahrgelegenheit nach Stadt Noto, wo ich dann im Park übernachte.

 

 

Ich ziehe weiter nach Siracusa. Gelegen wird so wie du gebeten hast, also direkt am Strand. Am Abend werden einige Fischer kommen, so ist man nicht allein.

 

 

Ich schleiche unauffällig in Alltag in Sizilien. Kaffee und was Leckeres gehört zu Italien, ich beobachte das Leben auf der Strasse.

Meine Ferien gehen weiter, ich erreiche die Stadt Catania. Die italienische Mentalität ist bekannt für ihr Nachtleben, die Menschen treffen sich a tauschen sich aus, die jungen Leute shoppen und bummeln durch die Strassen. 

 

 

Ich pausiere am Strand und will meinen langersehnten Traum nachgehen. Von Meeresoberfläche direkt hinauf auf 3000 Meter über Meer. Der Vulkan Ätna gehört zu den aktivsten Vulkanen in Europa und ich durfte schon zweimal seine gewaltige Kraft von sicherer Ferne miterleben.

 

 

Jetzt ist die Zeit gekommen, wo ich den Gipfel erreichen will. Von Catania aus kann man sehr gut mit dem Bus hinauf auf fast 2000 m.ü.m fahren. Schon unterwegs kann man beobachten wie gewaltig die Lava im Jahr 2001 war. Die Strasse musste erneut werden, soeben der Skilift.

 

 

Die Endstation für Bus ist da – das Informationszentrum steht vor uns. Ich frage den Buschauffeur, ob ich meinen Rucksack im Kofferraum lassen kann – alles Piano, kein Problem. Um 16:00 Uhr fährt er dann letzte Mal zurück nach Catania. Ich bin wie beflügelt, ein atemberaubendes Panorama liegt vor mir. Einige Touristen sind da, aber die Mächtigkeit dieses Gebietes lässt uns alle so klein erscheinen.

 

 

Ich spaziere über die einzelnen Krater, widme mich voll der Fotografie. Es erscheint mir wie eine Mondlandschaft, wie aus einem anderen Planeten. Und doch ist hier Leben. Das herbstliches Wetter erwärmt die Lava. Ich steige mehr und mehr hinauf und staune immer wieder wie gross die Lavafelder sind. Aus dem Wanderführer erfahre ich das Alter der Felder – manche Ausbrüche gehen weit in die Historie hinein. Dieses ist aus 17. Jahrhundert.

 

 

Den Gipfel der Ätna von mir gibt mir noch mehr Motivation. Ich vergesse komplett die Zeit. Zu meiner Enttäuschung kommt auf 2920 m.ü.m das Ende. Der Vulkan ist wieder aktiv und der Aufstieg ist somit verboten. Der Bergführer weiss darauf hin, nur zwei Vulkanologen befinden sich gerade auf dem Gipfel. Es gibt nicht zu verhandeln, ich muss es akzeptieren so wie es ist.

 

 

Aber Erinnerungsfoto darf sein – ich hab am Morgen am Strand paar Muscheln mitgenommen, als Beweis dafür, dass man an einem Tag so hinauf steigen kann. Ich lächle in die Kamera und der Vulkan hat mir wieder mal gezeigt nach welchen Regeln gespielt wird. 

 

 

Ich steige runter, geniesse das Fotografieren. Ich drehe mich – eine wunderbare Kulisse zum Abschied – eine Gruppe Touristen, den Krater und dem Hintergrund der rauchende Vulkan.

 

 

Ich bekomme auch die Idee, mal wieder auf die Uhr zu schauen. Es ist schon spät Nachmittag, um 16:00 fährt mein Bus! Mein zynisches Ich brüllt hysterisch: Jetzt müssen wir aber wirklich rennen! Und tatsächlich, im letzten Moment erreiche ich mein Bus! Der Chauffeur schaut mich an, die kenne ich doch von irgendwo – Ach, das ist die mit dem Rucksack im Kofferraum! Jaaa, mein Rucksack!!! Und genau die bin ich!!! Ich verbringe die Nacht wieder am Strand.

 

 

Die Ferien gehen weiter. Auf mich wartet Bekannter Ferienort Taormina. Eigentlich läuft alles nach Plan. In Taormina will ich den über die Stadt thronenden Gipfel besteigen. Ich darf den Vulkan Ätna von einem anderen Blickwinkel sehen. Ich muss schmunzeln. Das wahre Zeichen dieser Insel – der Vulkan Ätna, einer der aktivsten in Europa. Dreimal war ich hier – dreimal aktiv. 3:0 für ihn. Ich geniesse die Aussicht auf 884 m, ich habe den Monte Veneretta erreicht.

 

 

Die zweite Woche meiner Ferien ist vorbei. Ich kann gute Bilanz ziehen, ich hab einiges erlebt. Taormina ist bekannt für Touristen mit dickem Portmonee. Genau hier wird mir mein Rucksack geklaut. So einfach ist er weg. Mir blieb nur mein anderer Rucksack am Rücken mit Geldtasche, Stöcken, Fotoapparat. Soeben die Speicherkarten mit Fotos aus vergangenen zwei Wochen sind weg. 

 

 

Ich stehe vor Entscheidung – soll ich meinen Flug umbuchen und zurück fliegen oder die restlichen sechs Tage hierbleiben? Mein zynisches Ich, mein ewiger Begleiter und treuer Freund wird mich umarmen und sagen: Wir schaffen das zusammen!!! Ich entscheide mich zu bleiben. Bis in die Nacht fotografiere ich die Gegend, tagsüber fahre ich weiter und erhole mich am Strand. Ich versuche, daraus das Beste zu machen. Hotels waren die letzte Option und ich habe es damals auch ohne gemeistert. 

 

 

Nicht weit vom Taormina setze ich die Touren fort – ich besuche die Schlucht und besteige den kleinen Gipfel. Am Strand mit unruhigen Wellen verabschiede ich mich.

 

 

Mit dem Bus geht es weiter, ein kleiner Abstecher nach Messina, und weiter geht es nach Milazzo. Diese Tour ist wenig anspruchsvoll, ich geniesse den mediterranen Herbst. Am Abend, wenn alles so leise wird, setze ich mich am Strand voll Steinen. Auf einmal steht die Welt still. Das Meer ohne Wellen – nur der Fischer geht es seinem Beruf nach. Ich lausche, ich hab noch nie so ruhiges Meer erlebt. Dann geniesse ich noch das Nachtleben da in Millazo.

 

 

Von hier aus ist dieser Teil der Sizilien mit der Bahn ausgestattet. Das geht ganz gut und günstig. Mein nächster halt geht in Capo d’Orlando. Das Wetter macht definitiv nicht mit, ich verweile kurz an der Promenade, esse was und fahre weiter. 

 

 

Ich wähle als nächstes Ort Cefalu. Ich möchte gerne die Lipari Inseln mit Vulkan Stromboli besuchen, leider ist es nicht möglich. Die Saison ist vorbei, die Boote bieten die Ausflüge nicht mehr. Ich verweile am Strand, das Wetter zeigt sich launisch, ich geniesse das mit dem Lächeln. Das menschenleere Promenade lässt mich zurückschauen.

 

 

Unterwegs bei solchen Reisen trifft man oft die Menschen, die sehr ähnlich reisen. Ich habe den Rentner Fritz aus Österreich getroffen, der unterwegs mit dem Velo schon über drei Monate war, ein tschechisches Ehepaar, der hier Ferien mit Rucksack verbrachte und den Zdenek, der sich hier durch das Leben schlug. Es sind immer sehr besondere Begegnungen, denn solche Menschen leben anders als die Gesellschaft. Und sind damit zufrieden.

 

 

Neunzehn Tage sind vorbei. Ich entscheide mich nochmals, hinzufahren, wo alles begonnen hat – nach Castellammare del Golfo, um mich guten Herzens zu verabschieden. Türkis blaues Meer, blaues Himmel, die Sonne. Genauso wie man in Werbeprospekten Sizilien kennt. Ich durfte ihre verschiedenen Gesichter erleben. 

 

 

Ich besuche den Markt, schleiche in den Alltag der Einheimischen hinein. Die letzte Nacht meine Ferien in Sizilien steht bevor. 

 

 

Ich besuche die Strasse, die mich schon beim ersten Besuch so magisch anzog.

 

 

 An der Ecke einer Gasse verstecke ich mich und lasse die Kamera ihre Arbeit machen. 

 

 

Die Fussgängerin, die schnell durch die Dunkelheit nach Hause eilt.

 

 

Vespa, die um die Ecke fährt.

 

 

Auto, das wieder weiter fährt.

 

 

Es ist Zeit, abzuheben. In Rohbau war ich alleine, die Flüchtlinge waren nicht mehr da. Sizilien will sich von ihrer schönsten Seite zeigen – nur eine schmale Linie am Horizont lässt einen erahnen, wo das Meer liegt und wo fängt der Himmel an. Letzte Foto, ich danke für alles, ich verzeihe…

Ich kam dann zurück in die Schweiz. Ok, es ging noch mal italienisch – am Flughafen in Palermo musste ich wegen Scanner die Schuhe ausziehen und ich habe die Beamtin ja auch gewarnt. Ich erklärte ihr mit meiner Tralala italienisch, dass ich beklaut wurde. Ich habe viele mitleidende Blicke geerntet. Meine Versicherung bezahlte problemlos alles, ich habe den Vorfall von Polizei in Taormina bestätigen lassen. Die Bilder kann man nicht mehr zurück holen, das hat im Herzen noch lange zwei Jahre wehgetan. Trotzdem ist Sizilien ein wunderbarer Fleck dieser Planeten und definitiv ein Besuch wert.

 

 

Und wie ging es weiter? Etwa 2,5 Jahre danach haben es meine Bilder genau von der Strasse in Castellammare del Golfo, wo ich noch mal zurückgekehrt war, in die Ausstellung im Spital Tafers gebracht, wo sie mit Bilder anderer Kollegen zu bewundern waren. Und ich habe umso mehr verstanden, wie wichtig es ist, aus dem Moment das Beste zu machen. Weil wir nie wissen, was als nächstes kommt…

 

 

Und ich erlaube mir auf meinem Blog, noch so viele Jahre danach:

…In aller Liebe meiner Sportausrüstung gewidmet, die mich so treu in aller Wetterkapriolen und auf meine Ausflügen begleitet hat…

…Meinen 440 Fotos, die auf Karten gestohlen wurden, die nie das Licht der Welt erblicken und bleiben für immer in meinem Herzen…

 

 

 

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Vereinigte Arabische Emirate 2017

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