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Es ist morgen 04:00 und Zeit, aufzubrechen. Tiefe Nacht und ich fahre spontan eine ganz besondere Strecke. Man muss nicht ins Ausland oder rund um die Welt reisen, auch zu Hause kann es schön sein. Schnelle Autobahn Richtung Innertkirchen. Ich bin allein unterwegs und geniesse die langsam steigende Strasse zum Sustenpass.

 

 

Die Welt wacht ganz gemütlich auf. Hier oben auf 2224 m.ü.m peitscht die kalte Bise und es ist nur noch Frage der Zeit, wann die Frau Holle mit ihrem Zauberstab die Bergwelt verzaubert. Handvoll Touristen, die hier übernachten, eine reisende Gruppe indischen Nonnen und ich. Die nostalgische Atmosphäre in den Alpenpässen, die bunten Farben, der Herbst kommt.

 

 

Das obligatorisches Fotografieren – „Ich war auch hier“ folgt, ich mache mich gleichzeitig schlau. Die Passstrasse wurde im 1938–1945 erbaut, ist vom November bis Mai gesperrt, ist 45 km lang und dient so wie viele andere Passstrassen vor allem Tourismus. Ich fahre weiter und auf einmal ist die Landschaft ganz anders und das Gebirge schützt vor kalten Bise. Und nicht nur die Landschaft ändert sich, sondern auch die Kantone: Von Bern lande ich in Uri.

 

 

Ich geniesse die Einsamkeit und will am kleinen Aussichtspunkt fotografieren. Aber mein zynisches Ich flüstert: Schau Dich um …

 

 

Ich weiss, ich weiss – Homo sapiens sapiens – der moderne Mensch war hier. Verschiedene Fundstücke verschönern die schweizerischen Alpen. Ich fange an zu sammeln: Zigaretten, Bierdosen, Getränkeplastik – na, der Berg hat toll gefeiert.

 

 

Aber das atemberaubendste Fundstück kommt erst: Männliche Unterhosen mit dem Arschabdruck des Besitzers, die Form ist noch sichtbar. Mein zynisches Ich ist vollkommen hysterisch und fragt mich: „Hat der Mann hier seine Hoden sitzend gelüftet?“ Meine Fantasie fabriziert yogische Bilder und ich quäle mich mit dem Gedanken, WIE ich möglichst hygienisch dieses Stück aufhebe. Meine Fingernägel und der Barock-klein-Finger helfen mir dabei. Gesammelt und fotografiert, Mission an der Ecke in der Bergen beendet und ich fahre weiter.

 

 

Es geht richtig runter, Kanton Uri ist sehr bekannt für seine steilen Hänge und der Bauer arbeitet vorsichtig. Im Gegensatz zu uns im Unterland, die Tiere geniessen noch die saftigen Weiden.

 

 

Der erste Pass ist hinter mir und jetzt wartet Furkapass. An Autobahn vorbeifahrend, geniesse ich die ruhige Kantonsstrasse, denn die Blechkolonne oben ist lang – alle wollen nach Tessin und das geht über den längsten Schweizer Strassentunnel Gotthard – 16,7 Km unter die Erde – http://bit.ly/35RTTEc.

 

 

Ich komme auf Andermatt zu – modernes, wachsendes Ressort für Winterliebhaber wird hier gebaut. Die Landschaft ist faszinierend – die Berge und eine flache Strasse mittendrin. Ich fahre zu Furkapass hinauf.

 

 

In dieser Gegend wurden im Jahr 1964 die berühmten, dramatischen Autoverfolgungsszenen aus James-Bond-Film mit Sean Connery «Goldfinger» gedreht. Die gelten noch heute als Kult in der Filmindustrie.

 

 

Einige Autos und Velofahrer quälen sich hinauf. Es ist Zeit, eine Pause einzulegen. Ich halte bei Hotel Tiefenbach an und werde hier auf 2106 m.ü.m. Kräfte tanken. Noch etwa eine Woche und die Zwischensaison fängt an. Im Winter ist der Furkapass bei Tourenfahrern sehr beliebt. Leichter Regen und Wind, der Verkehr nimmt zu. Ich staune über die herbstliche Landschaft mit atemberaubenden Bergkulissen.

 

 

Furka verbindet die Kantone Uri und Wallis, Pass ist 2429 m.ü.m., ist satte 28 Km lang. Furca bedeutet lateinisch zweizinkige Gabel. Der Pass wurde schon zu Römerzeit begangen. Noch anfangs 19. Jahrhunderts reichte der Rhonegletscher bis hinunter – was heute nur noch in Fantasie vorstellbar ist. Im Jahr 1864–1866 wurde die Strasse erbaut, bis 1921 verkehrte die Pferdepost, dann übernahm das Postauto. Von Oktober bis Mai gilt die Wintersperre.

 

 

Es geht weiter – ich erreiche Grimselpass und 2163 m.ü.m. Flatterndes Hämmern und sehr starkes Wind sind eindeutig ein Zeichen, dass Frau Holle hier bald ihr Amt übernimmt. Trotz Unwetter sind viele Leute unterwegs – Familie, Paare, Velo und Töfffahrer und noch einige Touristen. Die alle Schweizerpässe über 2000 m.ü.m. sind sehr beliebtes Ausflugsziel, denn man kann sie alle mit Auto befahren, ohne dabei zweimal ein Pass fahren zu müssen. Sie bieten aber auch einige sportlichen Herausforderungen. Zum Aufwärmen lege ich wieder eine kleine Pause ein. Das Unwetter zieht auf, es ist Mittag und das Restaurant ist voll besetzt.

 

 

Der Pass wurde im Jahr 1894 erbaut, ist von Oktober bis Mai gesperrt. Einigermassen motiviert, geht es wieder runter.

 

 

Draussen gönne ich mir noch die Aussicht – es wird dunkel und stolpere fast wieder über Abfall – mein zynisches Ich bringt Klarheit in die Sache – na, das sind das mal die Unterhosen von der Freundin von dem mit Unterhosen. Na, das kann tatsächlich sein. Ich sammle auch dieses Stück in die Abfalltüte. Dass sich schöne Unterwäsche zu sexy Frauen gehört, habe ich gelernt. Gleichzeitig pflege ich strikt, sie nicht öffentlich zu zeigen. Diese Dame ist vielleicht anderer Meinung.

 

 

Ich werde noch letzten Halt machen – bei Wasserkraftwerken Oberhasli KWO. Wie so viele Bauwerke und grossartige Ideen der Menschheit darf man hier ausgiebige Rundschau unternehmen, und zwar ganzes Jahr. Dafür ist jetzt aber zu spät, ich geniesse die Natur herum.

 

 

Hier wird in versteckten Ecken die Menschheit nicht enttäuschen. Ich muss auch zugeben, dass ich mir das nicht gerade so vorgestellt habe. Lust zum freiwilligen Sammeln ist mir vergangen, eigentlich war es ja nicht Sinn der Sache. Jetzt geht es nach Hause.

 

 

Ich werde bei nächster Gelegenheit den Abfall bei unserem Recyclingzentrum abgeben. Die Bergpässe werden sich auf ihre Art und Weise auf den kommenden Winter vorbereiten. Sie werden sich in Schneehaufen verkleiden, werden unzugänglich, mysteriös und unnahbar der Menschheit Grenzen setzen.

 

 

Denn was ich hier als Tagesausflug mit Auto und netter Verpflegung darstelle, um den Kopf freizumachen, ist im Winter mit Skis unterwegs eine enorme Herausforderung, die ich vor einigen Jahren auf eigener Haut miterlebt habe gerade auf Furkapass. Na dann, kleiner Ausflug in der Schönheit der Schweizer Alpenpässe ist vorbei, ich wünsche wunderbaren Herbst allen und bis bald!

 

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Niederlande 2022

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