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Mein freier Tag ist da, mit meinem zynischen Ich und bestellten Croissants fahre ich Richtung Wildstation Landshut. Die kennt ihr schon aus meiner Reportage https://bit.ly/30nWU1v. Ich werde heute den Tag mit den Tierpflegern verbringen und hinten die Kulisse dieser Arbeit schauen.

 

Ich komme an und wir springen direkt in den Alltag ein. Manuela weiht mich ein, gerade wird das Futter vorbereitet.

 

 

Sie widmet sich der Untersuchung der stationierten Tiere. Als Erste kommt der Hermelin an die Reihe, der mutterlos gefunden wurde. Er ist etwa fünf Wochen alt und nimmt gut zu.

 

 

Manuela weisst strikt daraufhin, dass keine Beziehung zu den Tieren entstehen darf, denn es handelt sich ja um Wildtiere. Der kleine verschwindet im Handtuch in sauberen Käfig.

 

 

Als Nächstes bewundere ich die Waldmaus und Spitzmaus. Wie ich aus dem Bericht lesen kann, wurde sie im Wohnzimmer gefunden. Das Telefon klingelt, die Wildstation bietet ebenfalls eine Beratung. Ich darf mithelfen – ich wasche die Minibehälter und lege sie für Stunde in Desinfektion ein.

 

 

 

Mein Tag geht weiter und ich werde den Vogelraum kennenlernen und somit der Simon, Anina und Elisa. Der Raum ist ganz neu aufgebaut, gewidmet den Singvögeln, die man mutterlos oder von Katzen angegriffen gefunden hat. Wie mir Simon erklärt, ist dieses Jahr sehr viel zu tun.

 

 

Man betreut hier zwei Arten – die Nestlinge, die noch im Nest hausieren und die Ästlinge ausserhalb vom Nest. Ich betrachte die Käfige und manche Arten kommen mir sehr bekannt vor. Man darf sogar verschiedene Arten im gleichen Käfig setzen, die Sprösslinge müssen aber gleich alt sein.

 

 

Alle 15 Minuten wird gefüttert, zu Dritt hat man genug zu tun. Jeden Tag gibt es den gleichen Ablauf – alle Patienten werden gewogen, alles wird notiert.

 

 

Ich darf wieder mithelfen, die zwei Amseln muss man erst fangen, die haben nicht so grosse Freude an mir. Wir gehen raus, um sie in der Voliere herauszulassen. Sie haben Riesenfreude am Baden und nützen das sofort aus.

 

 

Elisa klärt mich auf – die Nester müssen auf 35-38°C geheizt werden und ich darf mithelfen – die Schwanzmeisen füttern, na ja, ich versuche es mindestens. Elisa gehört auch zu Freiwilligen, kommt etwa zweimal im Monat, hilft allerseits, muss halt manchmal viel nachfragen. In ihrer freiwilligen Arbeit sieht sie einen kleinen Beitrag für Artenschutz.

 

 

Ich geniesse die Zeit hier und bei Gelegenheit stelle ich Fragen meiner Leser – warum macht man diese Arbeit und was ist überhaupt die grösste Herausforderung? Anina ist Freiwillige und liebt die Tiere, zu Hause hat sie einige Haustiere. In Wildstation ist sie per Zufall gekommen – sie wollte sich  über Greifvogel erkundigen, später kam dann E-Mail, dass man Freiwillige für die Singvögel sucht. Sie stimmte zu, mittlerweile ist das fünf Jahre her, sie hält die Zeit hier für sehr lehrreich, engagiert sich für Tierschutz, interessieren sich für Medizin und, wie sie betont – will noch lange bleiben.

 

 

Die Pause ist da, ich offeriere Gipfeli. Wir setzen uns an frischer Luft und plaudern, denn es geht bald weiter.

 

 

Jetzt übernimmt mich Micha. Wir gehen in die Aussenvolieren. Er erklärt mir die Pflegeberichte – was alles vermerkt werden muss – Tierart, Alter, Geschlecht, Ringnummer. Micha ist ein Zivi – er leistet zweimal halbes Jahr Dienst. Er hat sich im Internet nach Bewerbungen umgeschaut, die Wildstation gefunden. Er mag Tiere, sie aufzuziehen und in die Natur freizulassen. Wir bestaunen den Rotmilan. Die Voliere dient zum Flugtraining, damit der Vogel schnell ausgewildert werden kann. Unser Rundgang geht weiter – seit April erholt sich hier der Waldkauz. Er wurde von Krähen angegriffen. Wir kehren zurück in die Station – Telefon klingelt schon wieder, der Anrufer wird aufgeklärt.

 

 

Inzwischen geht es los in Tierannahme – Manuela übernimmt. Die Tierpfleger werden geschult und alle Tiere unter Narkose behandelt. Ein Igel wurde in Rüfenacht bei Bern gefunden. Die Kontrolle folgt – er ist voll Flöhe und hat kleine Kopfverletzungen – vielleicht ein Biss.

 

 

Die Untersuchung geht weiter – die Igel fressen gerne die Schnecken, die übertragen die Lungenparasiten. Die Krankheit zeichnet sich durch sechs Stadien – die ersten drei werden behandelt, aus Erfahrungen wird bei schlimmeren Fällen von der Heilung abgesehen.

 

 

Ich schaue Manuela über die Schulter – sie ist der Pflegerin seit zehn Jahren, ein Jahr arbeitet sie hier. Sie wird die Wunde behandeln, den Igel an Parasiten wie Floh, Zecken und Räudemilbe untersuchen. Die Milbe ist auf Menschen übertragbar, die Eier findet man unter Haut und ist nicht behandelbar. Es folgt Abstrich und mikroskopische Untersuchung. Wir können aufatmen – die Probe ist negativ – für Patienten positiv. Die Wunde wird besprochen. Dazwischen eilt schnell ein Lieferant mit Gasflasche vorbei. Der Igel hat eine Chance, ist im guten Zustand. Die Wunde musste genäht werden, Fade ausgewählt, Marco hilft. Es wird in kleinen, ruhigen Griffen behandelt.

 

 

Die Untersuchung ist vorbei, noch eine Spritze Antibiotika für Lungenregeneration. Die Instrumente werden desinfiziert, erste drei Tage werden Vitamine verabreicht, Kot untersucht. Alle Angaben werden aufgeschrieben und etwa 14 Tage bleibt er hier. Inzwischen klingelt Telefon: Fragen wegen Spatz. Der Igel wird im Igelraum mit Wasser und Nahrung deponiert, die Zeitung wird zerschnitten, damit er nicht noch mehr Stress bekommt, was alles in der Welt passiert.

 

 

Jetzt folge ich Marco – er beschäftigt sich mit Administrativen. Marco ist in Ausbildung zum Tierpfleger, die dauert drei Jahre. Er wollte immer mit Tieren arbeiten, vor allem wilden, die man wieder zurück in die Natur aussetzt. Sein Ziel ist es, zu reisen und mit verschiedenen Tierarten weltweit zu arbeiten. Jetzt sitzt er aber am Computer und beantwortet verschiedene Anfragen.

 

 

Da kommt die nächste Frage meiner Leser gut an – Kann man auch mit anderen Mitteln als Geld helfen? Tatsächlich schon – zum Beispiel mit Futterspenden, wobei man immer den Inhalt und Zusammensetzung beachten muss. Für die Einrichtung der Nester und Volieren kann man Wolle, Plüschtiere oder Tücher schenken, wobei man vorher mit der Station telefonisch die Details vereinbart.

 

 

Telefon klingelt: Ein Storch ist flugunfähig, ist aus Nest auf’s Dach heruntergefallen. Unten der Tierpfleger geht die Debatte los – wie wird der gefüttert, wird er Menschen akzeptieren, in welche Voliere setzen? Internet muss helfen, verschiedene Versionen werden geplant.

 

 

Die Mittagspause draussen ist da. Die Gespräche aus privaten Bereich und das Reich der Tiere lassen die Pause schnell vergehen.

 

 

Den Nachmittag starte ich mit Lara. Sie zeigt mir die Station auf ihre Art und Weise. Wir schauen schnell in Igelraum vorbei – dies wird jeden Tag desinfiziert, getauscht, gewaschen. Der Igel schläft. In anderen Raum werden die Gestelle für Eule, Greifvögel und Spechte mit Fenster präsentiert. Infobord gibt Informationen über Tiere in der Wildstation – momentan sind etwa 80 Tiere anwesend, davon 65 Singvögel.

 

 

Wir gehen nach draussen und beobachten die Eichhörnchen – ein war zu schwach und suchte menschliche Hilfe und anderes wurde gefunden, jetzt geniessen sie zusammen die Voliere. Die Station ist durchgehend tagsüber offen, am Lehrpfad treffen wir einige Besucher. Sie schauen sich die alten Bekannten ansässigen – Näbu, Turmi, Waldkauz und Uhu.

 

 

Ich tausche mich mit Lara aus – sie hat seit Kindheit die Tiere gerne, Natur liegt ihr am Herzen und somit kann sie ihr etwas zurückgeben. Auf die Frage meiner Leser, was findet sie anspruchsvoll? Die Mauer und Alpensegler – sie landen nie und fressen in der Luft. Bei schweren Verletzungen ist das für sie Todesurteil. Auch Arbeit mit Jungtieren in anspruchsvoll, denn sie stehen unter ständiger Beobachtung um ihre Entwicklung. Wir landen bei nächster Aussenvoliere –  hier weilt die Igelmamma mit ihren fünf kleinen – bei Stress beissen die ihre Jungen tot.

 

 

Der nächste Gast in Wildstation sind die griechischen Landschildkröten. Sie wurden einfach oben im Schlosspark ausgesetzt und somit nahm sie die Wildstation auf.

 

 

Die nächsten Kunden klingeln – wieder ein Igel – sehr mager, mit Abszess zwischen Beinen, ein anderer mit hinkendem Bein, ein Feldsperling und kleine Meise mussten von ihrem Leid erlöst werden.

 

 

Sara und Marco bereiten die Untersuchung vor. An die Reihe kommt der Igel mit Abszess. Er wird gewogen, alles wird vermerkt und datiert. Die Menschen, die die Tiere gefunden haben, werden anrufen und verdienen eine ehrliche Antwort. An der Haar und Haut kann man sehen, dass der Igel von Räudemilbe befallen ist, ist abgemagert und im Genitalbereich ist alles vereitert.

 

 

Der starke Gestank vermutet eine fortgeschrittene Blutvergiftung. Es wird über diesen Fall diskutiert, Sara vermutet bei dem Igel in der Fortpflanzungsphase zu viel Stress. Der Blick ins Mikroskop ist vernichtend, es wimmelt von Parasiten, der Igel muss erlöst werden. Diesmal fragen mich die Pfleger, ob es mir etwas ausmacht, zuzuschauen. Nein, ich schaue aus ethischen Gründen nicht zu.

 

 

Dazu kommt passend die nächste Frage von meinen Lesern – wie geht man mit dieser Arbeit emotional um? Laut Sara darf man die Arbeit nicht nach Hause nehmen und muss sich abgrenzen. Sie konnte ihm aber helfen, in denen sie ihn erlöst habe, dass der nicht mehr leiden muss. Und das ist genau die Herausforderung, wenn man junge Tiere, die unabsichtlich durch Menschen zum Schaden kamen, leiden müssen. Sara ist angestellt seit März 2020 und ist fasziniert von einheimischen Tieren und will beitragen, dass den Tieren besser geht. Sie findet auch das Medizinische ebenfalls spannend.

 

 

Der neue Gast – Storch – zieht die Neugier an. Vorläufig wird der Dino benannt. Sein Ernährungsplan wird erstellt, alle 2–3 Stunden muss er gefüttert werden. Nach neun Wochen wird der flügge.

 

 

Die Nachmittagspause folgt, wir setzen uns draussen hin. Die Betriebsleiterin und Tierärztin Ulrike kommt vorbei. Es wird geplaudert, was alles heute passiert ist, was man alles im Plan hat.

 

 

Der Tag in Wildstation geht weiter – mit Zivi Lukas werden wir die Fütterung machen. Lukas arbeitet gerne mit Tieren, finde sehr interessant, was man hier für die Tiere macht. Er hat sich soeben beworben und diese Stelle als Zivildienst angetreten. Wir diskutieren über die Tiere, alles wird schriftlich vermerkt. Die absolute Stargäste lassen sich aber nicht blicken – die Gartenschläfer.

 

Lukas erzählt mir eine lustige Geschichte. Ein Detailhändler hat die Bäume aus Spanien importieren lassen, die Familie hatte ihr Zuhause drinnen. Im Lager kam dann raus, dass man Besucher aus Ausland mitgenommen hat. So kamen sie in die Wildstation. Jetzt plant man, wie man sie wieder zurück nach Spanien exportiert. Ich muss wirklich lachen. Sie werden hier perfekt versorgt und sind richtige Weltbummler.

 

 

Der Rundgang ist vorbei und in der Annahme wurde ein Spatz gebracht, der von einer Katze angegriffen wurde. Der Brustkorb wurde beschädigt, Ulrike hilft, bespricht die Situation und klärt auf. Die Verletzungen sind zu stark, das Vögelchen muss erlöst werden.

 

 

Und schon klingelt der nächste Patient – ein Igel. Er ist stark verletzt. Gefangenschaft löst bei Wildtieren Stress aus. Daher kommen lange Therapie nicht infrage. Der Igel hat eine Fraktur des Vorderbeines, der Glied ist geschrumpft. Er muss wahrscheinlich über längere Zeit verletzt sein. Es gibt keine Chance. Die Euthanasie wird vorbereitet.

 

 

Mein zynisches Ich fragt mich ganz leise: Schauen wir einmal hin? Nur einmal?

Kleiner Körper liegt am Tisch. Behaarter Brustkorb hebt sie hinauf und runter. Süssliches Geschmack von Sauerstoff liegt in der Luft. Die Atemzüge verlangsamen sich, hinauf, hinunter, hinauf und langsam hinunter – auf einmal bleibt alles still. Das Herzchen hat aufgehört zu schlagen, der Igel ging über Regenbogen. Gute Reise, Kleiner.

 

 

 

Es ist Zeit, sich zu verabschieden. Ein spannender, lehrreicher und emotionaler Tag mit Tierpfleger in Wildstation Landshut geht zu Ende. Die Tage werden weitergehen, jeder wird anders sein, heute war es ausnahmsweise ruhig, denn zu Spitzenzeiten werden bis zu 50 Fälle pro Tag behandelt. Ihr könnt auch dabei sein, nach Absprache für 250 Fr. Einzahlung. Viel Spass dabei.

 

 

Dieser Ausflug hat mich, wie viele andere auch, emotional sehr berührt. Mein Alltag schlägt wieder ein, ich bin stolz, dass ich meine Spatzenfamilie habe. Ich habe bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht gewusst, dass Spatzen in der Schweiz seit Jahren geschützt sind. Na dann, es hat noch viel zu tun, du wunderbare Zukunft!

 

Der heutige Tag und nicht nur der ist gewidmet allen Menschen, die sich so liebevoll für das Tierwohl einsetzen.

 

…DENN IHR MACHT DIE WELT BESONDERS, INDEM IHR EINDACH DA SEID…

 

 

 

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