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Die Zeit der Ferien ist da, für mich im wahren Sinnes des Wortes, denn mein Studium als Disponent Transport und Logistik ging zu Ende, die auf unbestimmte Zeit verschobenen Prüfungen fanden endlich statt und ich habe sie erfolgreich bestanden. Ich habe mein Leben dem Studium in einigen Sachen zuordnen müssen und ich habe meinem zynischen Ich versprochen, wenn alles hinten uns ist, werden wir uns schön belohnen. Mein zynisches Ich wünscht sich Kino und Märchen. Der Blick Richtung Alpen und das sonnige Wetter sind die besten Voraussetzungen für die Wunscherfüllung. Ich packe meinen Rucksack und mein zynisches Ich und lege los.

 


Heute werde ich die Gipfel der Alpiglemähre und Widdersgrind besteigen. Beide Berge befinden sich im Gebiet des Kantons Bern. Es ist schon spät Nachmittag und sehr heiss. Auto parkiert, lege ich los. Der einfachste Teil des Weges führt mich an Bach vorbei, ich lausche gerne den Wellentanz. Die Natur zeigt sich in voller Pracht, ich geniesse die Farben, das Zwitschern und die Alp Zehndersvorsass, bewirtet von Familie Aeby hat heute viele Gäste.

 

 

Dafür habe ich aber keine Zeit, ich wandere weiter und irgendwann führt mich der Weg noch mehr hinauf. Und von da an erscheint eine andere Welt. Eine Welt der Ruhe, ausserhalb der Zivilisation, eine eigene Welt.

 

 

Genau so, wie es sich in dieser Welt zu dieser Zeit gehört, begleiten mich die Blicke der neugierigen Rinder. Ich steige zu der Stallung und wie ich aus dem Begleitpapier erfahre, werden hier 28 Tiere verschiedener Bauer einquartiert. Ich laufe weiter und treffe zwei Damen, wie ich erfahre, waren sie zur Besuch in der nicht weit entfernten Seeberghütte. Ein lachendes Wiedersehen und kurz danach steige ich zur Grenchenhütte. Ein junges Paar bewirtet die Alp. Ich muss schmunzeln, denn jeder Bauer hat seine Tiere, die er auf die Alp mitnimmt. Ein richtiges Zoo wartet auf mich – Kaninchen, Ziegen, Kälber, Hund…

 

 

Und manche Sachen ändern sich nicht – schon seit meinem ersten Besuch vor Jahren hingen die Glocken hier, leise und doch so markant. Die Bäuerin ruft nach der Herde und die will nicht kommen, die will auf der Weide bleiben. Der Bauer und Hund helfen mit. Und auf mich wartet die richtige Steigung.

 

 

Der Aufstieg ist sehr steil, manche Orten sind durchnässt, der Bach schlägt seinen Weg. Aus meiner Erfahrungen weiss ich, dass dieser Ort sehr selten besucht wird und obwohl heute Samstag ist, sehe ich am Wandergrad eine Person und beim Abstieg vom Widdersgrind nur einen Mann mit Hund. Ein Stück Nasstuch liegt am Boden, ich sammle ihn. Es bleibt auch der Einzige. Das kann passieren, vielleicht ist er aus dem Rucksack rausgefallen. Noch einen Blick zur Grenchenhütte – ein kleines Häuschen mitten der Schönheit im Bergen voller Märchen.

 

 

Ich steige dem Himmel entgegen. Ich sehe schon den Dach der Alphütte auf dem Grenchengalmpass. Und eine Sache erstaunt mich: Aus dem Kamin steigt Rauch. Das habe ich bei meinen vergangenen Besuchen nie gesehen. Mein zynisches Ich freut sich schon – jemand muss ja da sein!

 

 

Der Himmel fast erreicht, steige ich auf 1886 m.ü.m auf die Ebene von Grenchengalm. Die mir schon bekannte, atemberaubende Kulisse wartet auf mich. Ich schaue mich um – der Tal bis zu der Spitze im Hintergrund – erinnert euch an meine Reportage von Stockhorn? http://bit.ly/2Z6yxmJ Wie stolz steht er da. Zu meiner Rechten thront der Widdersgrind – dort steige ich später auf.

 

 

Die Hüttenbewohner melden sich zu Wort. Ich habe Glück, denn aus dem Gespräch mit dem Herrn erfahre ich, dass er vor Jahren in Grenchenhütte gewirtschaftet hat und dort mit seinen Pferden war. Ja ja, das stimmt. Ich frage nach, ob er sich jetzt hier oben um die Tiere kümmert. Nein nein, er verbringt nur dieses Wochenende mit seiner Frau da und die Rinder werden vom Bauer von Grenchen kontrolliert.

 

 

Kurze Erholung ist vorbei und ich steige weiter. Ich muss durch die Herde und unter Zaun schleichen. Hinauf führt kein Weg, ich orientiere mich an gewissen Punkten. Ein kleiner Kreuz auf 2096 m.ü.m heisst mich willkommen. Ich atme tief durch. Der Aufstieg hat sich gelohnt, die Brise zaust meine Haare, ich knie ins Gras. Jedes Berg hat sein Schicksal, jedes Gipfel seine Geschichte. Auch die Alpiglemähre. Im Jahr 1976 verlor hier ein Familienvater sein Leben in der Lawine beim Tourenfahren. Er hinterliess die Frau mit vier Kindern. Die Familie lebt in benachbarter Gemeinde Schmitten. Ein kleiner Kreuz mit Gipfelbuch erinnert an diese Tragödie.

 

 

Ein wundervoller Blick, den ich in Bildern festhalte. Ich verweile einen Moment, ich geniesse die Aussicht in allen Richtungen. Ich setze mich hin, noch der obligatorische Eintrag ins Gipfelbuch. Der letzte Eintrag liegt ein Monat zurück, es ist in Ordnung so. Wie immer bedanke ich mich für die Gastfreundlichkeit im Berg voller Märchen. Ruhe in Frieden, Alpiglemähre, ruhe in Frieden.

 

 

Ich steige runter zum Grenchengalm und maschiere hinauf zum Gipfel Widdersgrind. Es geht zügig vorwärts, ich freue mich, die Sonne neigt sich zum Horizont. Der Weg ist steil, aber einfach, gut markiert. Nach vierzig Minuten stehe ich oben.

 

 

Die Bergen werden bald ins Bett gehen. Die Sonne eilt hinter den Horizont und der Tag geht zu Ende. Und auf der andere Seite der Erdkugel beginnt der Morgen.

 

 

Seit 2016 steht hier ein Kreuz mit dem Schädel von Widder – daher auch der Name Widdersgrind. Ein Zeichen auf 2104 m.ü.m – im Hintergrund ragen in die Höhe die bekannten Eiger, Mönch und Jungfrau, ich sehe den Neuenburgersee und den Kanton Fribourg. Noch obligatorisches Selfie mit dem Berg. Die Sonne verschwindet, der Vorhang zieht sich zu, die heutige Vorstellung ist vorbei.

 

 

Stirnlampe an, geht es auf dem gleichen Weg runter. Mein zynisches Ich freut sich – der Abenteuer geht weiter, die Blumen sind da, die Nachttiere rücken aus. Ein Frosch schleicht mir über Weg, mein zynisches Ich fragt mich schon: Werden wir ihn abschmatzen? Oh nein, man muss nicht alle Frösche knutschen! Und nicht alle Frösche in der Schweiz sind die Prinzen! Und manche Prinzen sind schlimmer als die Frösche! Also, dann schnell nach Hause! Wenn ich ins Auto steige, der Komet Neowise belichtet den Nachthimmel.

 

Ich komme um Mitternacht heim. Gute sechs Stunden und 13 Kilometer mit viel Steigung in Beinen in den Alpen. Das war heute wieder ein wunderbares Märchen! Mein zynisches Ich schläft schon. Ist gut. Wenn man den Kindern was verspricht und dann es richtig durchführt, umso besser schlafen sie dann. So wie mein zynisches Ich. Ich versorge das Papiertuch in Abfall und gehe auch schlafen. Wir durften euch ein Märchen aus dem Berg erzählen. Es gibt noch viele wundervollen Märchen in dieser Welt. Geht los und entdeckt sie…Hinterlässt dabei keine Spuren, schätzt die Schönheit der Natur. Motivation habt ihr schon, gute Nacht, bis nächsten Mal wieder, ich freue mich…

 

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Wandern Schwarzsee – Naturpark Gantrisch – Kaiseregg

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