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Tiefe Nacht, mein Wecker läutet. Es ist Sonntag, normalweise sollte man ausschlafen, aber ich will einen weiteren Wunsch auf meiner Liste abhacken. Wenn der Berg ruft – dieses Mal will ich eine lange Wanderung in Gantrisch Naturpark unternehmen: Gurnigel – Stockhorn – Gurnigel. Das Ziel habe ich seit Jahren vor den Augen und heute will ich es erreichen.

 

 

Mein zynisches Ich ist nicht gerade begeistert und wälzt sich noch im Bett. Ich kann es verstehen, es ist gerade 03:30 in der Nacht. Mit der Vision eines wunderbaren Tages klappt es dann doch und schon sitze ich im Auto und fahre Richtung Gurnigel.

 

 

Die Nacht in den Bergen läuft nach ihren Regeln – noch bevor die Sonne aufgeht, sind alle schon wach und ich geniesse die Natur und die feine, kühle Frische am Morgen. Ich parkiere mein Auto, nehme meinen Rucksack, mein zynisches Ich und laufe dem Abenteuer entgegen.

 

 

Vom Parkplatz maschiere ich zu Leiterenpass. Das zieht sich hin und ich werde belohnt – 06:10 und die Sonne steht auf. Einige Touristen sind auch da und bewundern mit mir die Aussicht. Ich laufe an der ersten Berghütte und Tieren – die Alphütte Obernünenen.

 

 

Mein zynisches Ich freut sich ebenfalls und wacht endlich auf, denn ich schliesse mich an – Herrn Urs aus Plaffeien, einem tüchtigen Rentner, der nach der Knieoperation wieder das Wandern trainiert. Der Aufstieg verläuft angenehm, wir tauschen uns aus, plaudern und schon bald erreichen wir den Pass. Von da an haben Wanderer in Gantrisch Naturpark viele Möglichkeiten: den Aufstieg zum Berg Gantrisch und Bürglen, das Klettersteig Nünenenfluh und Gantrisch oder wie man in der Ferne sehen kann – die typische Spitze von Stockhorn, wo ich hingehen will.

 

 

Herr Urs ist richtig in Form und läuft zügig vorwärts, ich habe meine Aufgaben. Die Schönheit der Schweizer Alpen lässt mich nicht in Ruhe und schon bin ich in meinem Element. Ein wunderbarer Salamander und die Schafe, ich fühle mich richtig wohl und willkommen.

 

 

Die Sonne steigt auf und Herr Urs geniesst sein Morgenessen sitzend im Gras und danach wird er zurückkehren, wie er meint – es reiche für heute. Ich verabschiede mich und wünsche noch einen wunderbaren Tag und laufe meinem Ziel entgegen. Nach einigen Minuten treffe ich einen anderen Rentner – ich plaudere wieder. Wie sich herausstellt, startete er sogar eine halbe Stunde früher als ich und er gibt zu, anhand von seinem Alter und Kondition, geht hier die Wanderung zu Ende und er wird zurückgehen. Ich ermutige ihn – er erreicht mehr als die, die im Bett geblieben sind. Guter Laune sage ich Auf Wiedersehen und nicht weit entfern werde ich von einer Kuhherde begrüsst.

 

 

Eine typische heimatliche Alphütte Chuelauenen heisst mich willkommen – typische Geranien im Fenster, die Tiere, die hier den Sommer verbringen und – die Leute, die sich um sie kümmern. Ich kann nicht widerstehen und lege eine Pause ein, kaufe ein Getränk und beobachte das Geschehen. Eine begeisterte, sportliche Gruppe hält auch an, um schnell was zu trinken und unter strengen Blick der Ziegen läuft sie weiter. Ich geniesse das Gespräch mit den Bewohnern. Die Hirtin Vreni, die hier schon fünfzig Jahre hirtet, wird von den Helfern aus Deutschland unterstützt. Diese Aufgabe macht sie das Jahr zum letzten Mal, denn nächstes Jahr übernimmt ihre jüngste Tochter mit ihrem Mann diese Bürde auf sich.

 

 

Mit vielen Anekdoten und Lachen tauschen wir uns aus, ich habe Freude und mit gutem Schub der Motivation ist es Zeit, weiter zu gehen. Ich laufe die ganze Zeit durch Weiden und bei der benachbarten lese ich wahrscheinlich den aller lustigsten Befehl: Bitte die Ziegen zurückbringen wenn Sie mitlaufen.

 

 

Mein zynisches Ich ist bisschen irritiert, denn die deutsche Sprache ist nicht unsere Muttersprache. Aber das Wort Sie, grossgeschrieben, ändert bisschen den Sinn der Sache, denn gemeint ist, falls die Ziegen mit uns mitlaufen, sollen wir sie zurückbringen und nicht wenn wir mit den Ziegen mitlaufen. Da wären wir von Ziegen ja entführt…Mein zynisches Ich versteht es trotzdem nicht so ganz: Warum laufen die Ziegen nach? Na ja, die Ziegen sind sehr wählerisch, manchmal machen sie gerne und extra dumme Sachen. Da unterscheidet sich die Tierwelt von der Frauenwelt nicht. Denn je mehr eine Frau dem Bock nachläuft, umso grössere Ziege sie ist. Punkt.

 

 

Ich schaue mich um, der klare Tag betont umso mehr die Schönheit der Bergen. Jedes so winziges Detail kommt zum Vorschein. Die Hitze macht sich bemerkbar und ich bin froh, dass ich ein Stück Wald erreiche. Der Schatten erfrischt mich und überall sehe ich die Eleganz der Natur, die sich zum Wort meldet. Die Stachel und farbige Blumen, der Bach, der so leise rauscht, der alte Baumstumpf…

 

 

Die letzte Hütte von dem Ziel und nicht weit entfernt machen zwei Frauen mit Hunden eine Pause. Ein freundliches Gespräch und wie ich erfahre, nahmen die Damen das Gondel hinauf zum Stockhorn und laufen jetzt zu Gurnigel. Auch das ist eine Möglichkeit.

 

 

Die Bewohner der Alphütte haben schon Hände wohl zu tun, die Hunde warten auf Befehle, die Tiere auf den Weiden müssen kontrolliert werden. Und auf mich wartet die schwerste Etappe – der Aufstieg.

 

 

Ich steige die Treppe hinauf, die Touristen kommen von allen Seiten an. Die steile Wand ist ein Eldorado für Kletterer.

 

 

Ich interessiere mich für die Schafen. Sie sehen sehr gut und mächtig aus, es sind Zuchttiere. Was für uns steil hinunter geht, ist für sie trotz ihrer Trächtigkeit ganz natürliche Umgebung, sie springen einfach und elegant drüber.

 

 

Ich steige zu Pass hinauf, wo ich eine Pause hinlege. Ist viel los, die vierbeinigen Sportler tanken neue Kräfte. Und die Leute, die mit der Gondel hinauf gefahren sind, verbleiben für einen kurzen Spaziergang oder wandern weiter. Ich geniesse die wunderbare Aussicht, kann nicht widerstehen und steige hinauf gegenüber, wo ich mich hinsetze und lasse von kalter Brise erfrischen.

 

 

Kurz danach nehme ich die letzte Etappe in Angriff – den Aufstieg zum Restaurant. Die Beleibtheit von Stockhorn und dieser wunderbare Ferientag lockt sehr viele Leute an und ich habe das Gefühl, dass es mehr Menschen gibt als Kühe.

 

 

Ich steige bis zum Gipfel hinauf. Der Aufstieg ist von Alpengarten mit allen möglichen Namen und Pflanzen umsäumt, die in den Bergen wachsen. Die kalte Bise in Haaren, viele Selfies – Menschen und wunderbare Aussicht auf 2190 m.ü.m.

 

 

Der Berg Stockhorn bietet noch eine andere Attraktion – den Gang durch den Berg zum Aussichtspunkt. Erfrischender Schatten ist eine willkommene Abwechslung und mit ein bisschen Mut wird man mit einer klarer Fernsicht auf die Stadt Thun und Thunersee belohnt. Mein erster Teil dieser Wanderung ist hinter mir – ich lief 15 Kilometer und werde jetzt dafür gut belohnt.

 

 

Wie ich mich schon informiert habe, wartet auf mich köstliche Auswahl, schnelles und angenehmes Service. Die Crew von Stockhorn hat viel zu tun. Als Vorspeise Salat, als Menü gibt es panierter Camembert mit Brombeeren an Zucchettigemüse. Und selbstverständlich eine Portion Glace – Holunderblütten und Birne.

 

 

Die Zeit drängt, ich muss zurück laufen. Wo der Wind weht, dort kann es bewölkt werden. Die Wolken tummeln sich auf dem Himmel wie die Schafe über die Weiden. Ich steige hinunter, die Tiere geniessen den Schatten. Die letzten Wanderer kommen an, denn die letzte Gondel fährt um 17:30.

 

 

Das Bild der Landschaft ändert sich. Obwohl die Wettervorhersage einen sonnigen Tag versprach, die Natur interessiert unsere Erfindungen nicht. Die Bewölkung nimmt schnell und stark zu und meine Idee, einen anderen Wanderweg zurück zu nehmen, lasse ich sein.

 

 

Die Farben der Natur ändern sich, ich stehe wieder bei der Hütte Chuelauenen. Ich bestelle einen Kaffee. Und nix ist wie es am Morgen war.

 

 

Eine Kuh brachte ein wunderbares, grosses, gesundes Kälbchen auf die Welt. Es mag vielleicht romantisch aussehen, ist es aber auf Weiden auf 1688 m.ü.m. nicht. Der Tierarzt könnte bei Komplikationen nicht sofort kommen können, dafür ist man zu weit weg. Für heute ging aber alles gut – obwohl Vreni beim Platzen der Plazenta helfen musste.

 

 

Unerwartet schlägt ein Gewitter ein. Die Tierbewohner kommen an. Ich muss richtig schmunzeln, wie viel es auf einmal sind. Die Esel, Katzen, Hühner, Ziegen. Die hat Vreni schon in die Stallung versteckt, für heute ist ja genug.

 

 

Es hat aufgehört zu regen, ich verabschiede mich und muss weiter. Noch zehn Kilometer warten auf mich. Der letzte Blick zu Chuelauenen und ich gehe.

 

 

Obwohl es gewittert hat, ist die Temperatur angenehm. Ich bitte leise den Berg voller Märchen um Hilfe. Über den Kopf donnert es, einige Tropfen fallen und der Wind streichelt meine Wangen – ich verstehe und bedanke mich. Ich beschleunige den Schritt und beobachte das Bild der Landschaft, das sich so rasant ändert. Der nostalgischer Hauch der Gegend und der Nebel, der ihr einen nostalgischen Charakter verleiht.

 

 

Die Tiere geniessen in aller Ruhe ihr Leben hier und auf einmal merke ich, das eine kleine Kuhherde mir nachläuft.

 

 

Mein zynisches Ich ist sofort bezaubert: Wenn wir die Ziegen nicht nach Hause nehmen dürfen, dürfen wir die Kühe nehmen? Nein nein, die Tiere bleiben da, sie gehören hierher und sind glücklich. Mein zynisches Ich winkt noch begeistert auf Wiedersehen: Ja, es ist so, hier sind die Tierchen glücklich.

 

 

Ich treffe die Schafe, schon bald steige ich zu Leiterenpass und dann schnell runter zum Parkplatz. Ich drehe mich um. Und mein heutiger Zielort verhüllt sich in feinen Schleier aus Nebel. Ich danke dir sehr für die wunderbaren Augenblicke.

 

 

Der Nebel steigt hinauf, der Nebel verschwindet, der Nebel wälzt sich über die Gipfel der Bergen. Für kurzen Moment zeigt sich der Himmel und über das alles wacht der Mond. Ich erreiche den Leiterenpass und die graue Farbe verschlingt mich. Auf einmal ist alles verschwunden, als ob es heute nicht geben würde. Und mein zynisches Ich flüstert leise: Das war heute ein wunderbares Märchen. Ja, das war. Wie immer im Berg voller Märchen. Und umso mehr freut es mich, dass nirgendwo ein Stück Abfall zu sehen war.

 

 

Wie wichtig sind solche Momente wie heute? Den nächsten Tag am Montag warten meine Pflichten auf mich. Die Müdigkeit lässt sich merken, ich spüre die 30 Kilometer in meinen Beinen. Ich habe aber grosse Freude, dass ich ein meiner Ziele erreicht habe. Die Fallen meiner Arbeit lassen mich den Schmerz vergessen und die Erinnerungen an die unvergesslichen Momente geben mir die nötige Kraft, alles prima zu meistern.

 

 

Ich erinnere mich an den schlammigen Weg, die freundlichen, lachenden Menschen und ihre nette Worte, an den unvergesslichen Tag. Ich danke euch allen. Und wer weiss, vielleicht treffe ich euch das nächstes Mal…

 

Die heutige Frage lautet:

Eure Liste mit euren Träumen? Habt ihr überhaupt eine? Ein Ziel schon abgehackt? Ihr müsst nicht im Grossen gehen, es reicht, mit dem ersten Schritt anzufangen…

Wart ihr irgendwo laufen oder spazieren? Dann seid ihr weiter als die, die auf dem Sofa liegen…Meine Rentner haben euch gezeigt, dass es geht…

Legt los! …es wartet viel Neues auf euch, nette Menschen und freundliche Worte…Die Motivation habt ihr gerade bekommen…

 

…DENN IHR MACHT DIE WELT BESONDERS, INDEM IHR EINFACH DA SEID…

 

 

 

 

 

 

 

 

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…Der Sommer ist da…

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