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Der Sommer ist da, ich gehe durch unsere Gegend spazieren. Die Sonne scheint, in den Medien wird jeden Tag über das Klima geschrieben. Mein zynisches Ich, ständig hungrig nach neuen Abenteuer, langweilt sich fast, denn was im Grönland oder am Mt. Everest die Realität ist, darüber kann bei uns in Elswil auf 600 m Höhe nicht die Rede sein.

 

 

Kein Schneeschmelzen, keine Leichen, mein zynisches Ich meint verbittert: Nur die Scheisse ist da. Ich mahne mein zynisches Ich, sich anständig zu benehmen. Obwohl, Hand auf’s Herz, etwas ist schon dran. Mein zynisches Ich fühlt sich sofort verstanden und lächelt schon: Kannst dich erinnern, was wir letztes Jahr gemacht haben? Ja klar, gewisse Sachen kann man nicht vergessen.

 

 

03:30, der Wecker läutet. Und noch bisschen und noch bisschen. Weiter kann man nicht mehr verhandeln und es ist Zeit, aufzustehen. In der Dunkelheit setzte ich mich auf Königsthron, die Augen blinzelnd. Ich spüle, das bekannte Wasserbrausen. Mein Arbeitstag startet, es ist Freitag, 13. April. Ein Tag wie jeder anderer.

 

 

Der Motor brummt, ich bin startbereit, 05:00 schlägt und das Gesetz erlaubt mir zu starten. Ich fahre zusammen mit meinem Arbeitskollegen zum Kunden, einem meiner sehr geliebten – das Recyclingzentrum unseren Kanton Fribourg. Mit dem Sägemehl eingestreut, wird mit der Mitarbeiter Philipp laden, wir sind mit der Zeit gut eingespieltes Team. Wollt ihr wirklich wissen, was ich da lade? Den entwässerten Klärschlamm, die Exkremente, volkstümlich gesagt die Scheisse – unsere Scheisse. Ob es stinkt? Meine Anständigkeit antwortet euch: Die Fotos stinken doch nicht. Aber mein zynisches Ich lässt euch ausrichten: Wir stinken göttlich, alle gleich ohne Ausnahme und manche sogar noch mehr. Ich schaue mein zynisches Ich mit einem Blick, der töten könnte und schon sitzt mein zynisches Ich brav im Lkw. Nach zwanzig Minuten ist alles geladen und ich fahre los Richtung Basel.

 

 

Ein langer Tag ist vor uns, die Welt wacht auf, ich fahre am Bern vorbei, der Verkehr nimmt langsam zu. Bei Basel sieht es ganz anders aus, aber ich habe Glück, ich komme gut vorwärts. Mein zynisches Ich zwinkert mit seinem Augen, wacht auch auf und fragt mich: Und wo fahren die alle Leute hin? Nach Deutschland billig einkaufen? Alle um die gleiche Zeit? Pro Auto eine Person? Dumme Fragen, ich führe sofortiges Sprachverbot mit dem Chauffeur während der Fahrt. Mein zynisches Ich wehrt sich: Wir sind nicht im Bus! Aber Sicherheitsgurt muss man auch im Lkw anschnallen! Mein zynisches Ich auf frische Tat ertappt, schweigt, ist beleidigt. Macht nichts, schon bald wird sich das ändern.

 

 

Ich komme an und darf sofort in grossen Bunker abladen. Der Klärschlamm wird zur Trocken- und Verbrennungsanlage geschoben. Damit wird man dann in Basel heizen. Gute 26 Tonnen Material. Der grosse Moment ist da, mein zynisches Ich rennt sofort für die Probe. Wir steigen feierlich, stolz und fast patriotisch die Treppe ins Hauptbüro hinauf. Ich frage vorsichtig mein zynisches Ich: Und für welchen Land trägst Du die Fahne? Aber mein zynisches Ich lässt sich nicht beirren und gibt im Büro an der Theke die Probe ab, damit man hier an der Grenze Schweiz – Deutschland weisst mit welcher Kacke vom Fribourgischen man zu tun hat.

 

 

 

Noch im Büro die Männer begrüssen und schon treffe ich die erste Frau an diesem Tag. Warum ist sie nackt? Weil wir in Kaffeteria rein männlicher Welt sind. Ein Kaffe gratis offeriert und schon fahre ich weiter.

 

 

Nicht weit entfernt in Pratteln werde ich das Baumaterial laden und zu uns fahren. Der grosse Dumper kommt, zwei Mal aufladen und schon habe ich 26 t Material drauf. Ein Lächeln, Hupe, Winken zum Teddy Mischa. Die Waage wartet auf mich und die nächste Frau heute – die Anita. Das weibliche Plaudern, Schokolade, Papiere und schon donnere ich zurück, wir fahren um jeden Meter und Minute.

 

 

Ein Unfall auf der Gegenseite verursacht grossen Stau. Ich komme aber gut vorwärts und lade ab und es reicht noch, zum Kunden zu fahren. Die Lenkzeit liegt bei 4 Stunden 26 Minuten, ich stelle das Motor ab, 320 Kilometer hinter uns. Jetzt ist wieder Philipp dran, auf mich warten 45 Minuten gesetzlicher Pause und Erholung nach 4,5 Stunden Lenkzeit. Und eine neue Frau wartet auf mich, dieses Mal auf der Toilette – damit mir morgen die Arbeit nicht ausgeht. Noch mal Kaffe, im Grünen Ruhe tanken und schon ist die Zeit um und ich fahre wieder los.

 

 

Der gleiche Weg nach Basel ist vor mir. Wir fahren gut, Dragon arbeitet vorbildlich. Es kommt erneut zum Stau vor Basel, der Grund ist ein ausländisches LKW und eine ältere Dame mit kleinem Auto, die in Anwesenheit eines Polizisten mit den Händen fuchtelt. Ein unbedeutender Wortwechsel, der nichts bringt und halbe Schweiz steht. Es ist schon Nachmittag, habt ihr das Gefühl, es handelt sich um dasselbe Foto vom Morgen? Nein, das sind neue Autos, die in Basel und weiter fahren. Ich darf sofort abladen, bin ziemlich zeitlich gut drin.

 

 

Ich fahre zum Teddy Mischa und Anita laden für das Baumaterial. Leider habe ich viel zu viel Zeit durch die Staus und Verkehr verloren, meine Navigation meldet 1 Stunde 33 Minuten erlaubter Lenkzeit und 130 Km nach Hause. Wie ihr sicher schon ahnt, reicht es nicht und der Freitag, den 13. enttäuscht nicht. Traditionell alltäglich im Eggerkingen stehen wir, vor Bern gibt es grossen Unfall auf der anderen Seite und 35 Minuten und 35 Km von Depot entfernt gebe ich auf.

 

 

Seit der Mittagspause habe ich 4 Stunden 20 Minuten gefahren, ich bin verpflichtet, die nächste gesetzliche Pause zu machen. Ich halte an meiner beliebten Raststätte Grauholz bei Bern an. Es ist ja Freitag Vorabend, ich finde noch Parkplatz und heute wird mein Abendessen auswärts gekocht. Restaurant Grauholz bietet gute Gerichte für angemessene Preise, ein freundliches Personal mit welchem ich gerne plaudere. Der Parkplatz wird langsam besetzt, mein Dragon ist einziger in der Schweiz immatrikulierter LKW. Er wird von LKW’s aus Holland, Slowakei, Tschechei, Türkei, Litauen, Bulgarien, Poland, Spanien umringt und weitere kommen an.

 

 

Nach einer Stunde fahre ich ins Depot, lade ab, tanke für den Montag. Wir haben heute mit meinem Dragon 560 Km gefahren, über 50 t Exkremente und 50 t Baumaterial und fast 14 Stunden unterwegs. Tag für Tag über 100 t Klärschlamm über mehrere Monate bis der Kunde die Anlage saniert und in Gang bringt. Tag für Tag, es war eine lange Woche, die nächste kommen andere Kollegen, wir wechseln uns ab. Aber auf mich wartet jetzt mein Wochenende. Ich fahre nach Hause, mein Thron wartet. Damit ich wieder Arbeit habe, die Motivation habe ich ja.

Ob jede Tag dem anderen gleicht? Nein, jeder Tag ist anders und diese Arbeit ging über mehrere Monate hinweg.

 

 

Das Wetter wird sich ständig ändern.

 

 

Die erste Frau des Tages auch.

 

 

Mein Thron.

 

Und schlussendlich die Hindernisse dieser Arbeit werden sich bemerkbar machen.

 

 

In in der Nacht hat es ausgiebig geregnet und der Klärschlamm nahm viel Feuchtigkeit ein. Bei schönem Wetter rutscht alles aus, beim Regen bleibt einiges an den Wänden kleben. Ich ziehe die Gummistiefeln an, nehme die Schaufel und lege los.

 

 

Mein zynisches Ich hört schon in der Ferne: Pfui, in der Scheisse zu stehen, das stinkt doch…Und mal Hand auf’s Herz: Ihr habt nie in der Scheisse gestanden? In Scheisse, was uns das Leben vorbereitet? Der Partner hat sich getrennt? Die Kündigungen, weil es dem Unternehmen nicht gut geht…Teuere Scheidung, die euch viel Geld gekostet hat? Die Zweifel im Leben, in welche Richtung man gehen soll…Gehe ich überhaupt richtig? Na seht ihr…Die Scheisse kann man im Leben einfach nicht umgehen.

 

 

 

Wenn ihr heute in der Ruhe eures Hauses den Thron besteigt, werdet die Zeitung lesen, das Sudoku rätseln, die Nachricht eure Liebe tippen oder die Zigarette rauchen, dann glaubt, ihr macht eine fantastische Sache. Kennt ihr das Gefühl, wenn man braucht und nicht kann, weil keine Toilette da ist? Oder wenn kein Toilettenpapier gibt? Falls ihr könnt auf dem Thron sitzen und noch sauber, habt ihr mehr als die Mehrheit der Zivilisation. Ich habe wunderbare Strände dieser Welt gesehen – Fuerteventura, Lanzarote, Neuseeland, Sizilien. Wir haben wunderbare Strände ohne Toiletten und Meer voll Urin. Und ich kann euch sagen, es hat immer noch nicht genug Toiletten.

 

 

Sammelt ihr sorgfältig nach euren Hunden? Ihr sorgt für saubere Felder…

 

Die heutige Frage lautet:

Habt ihr eine saubere Toilette? Die Kultur jeder Nation fängt dort an…

Man muss nur spülen – ist es nicht besonders Luxus?

Kackt ihr? Ihr gibt uns und vielen Menschen Arbeit, ihr seid sauber, alles geht hin, wo es gehört.

 

 

Falls ihr bis hierher gelesen habt – seid ihr tapfer! Mein zynisches Ich winkt euch und ist glücklich. Und am Abend fragt mich: Haben wir heute etwas Gutes für die Welt gemacht? Ein kleines Stückchen schon. Wollt ihr eine verkackte Welt? Ich sicher nicht. Es geht nicht um die Scheisse, sondern darum, wie man sie nutzen kann. Sie nutzen dafür, damit diese Welt sauber bleibt. Und das liegt in Händen von uns allen.

 

…DENN IHR MACHT DIE WELT BESONDERS, INDEM IHR EINFACH DA SEID…

 

 

 

 

 

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…unterwegs für euch…

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