209 0

Fast drei Monate sind vergangen. Die Schule ist endlich nach 1.5 Jahren samstags vorbei, die letzten Wochen zur Prüfung vergehen. Meine vorgesehene Zeit ohne Schreiben, dafür dem Studium gewidmet, kombiniere ich  mit Spaziergängen und Arbeit. Es gab auch nicht viel zu schreiben, der Winter war wirklich miserabel, es gab nichts besonderes zu berichten. Der Himmel abends verspricht wunderbaren, neuen Morgen.

 

 

Ich nehme im März zwei Wochen Ferien. Eine Woche zum Lernen und eine für die Prüfungen. Mitten der Woche werden die Grenzen geschlossen, es gilt Ein und Ausreiseverbot. Mein zynisches Ich hat schon Panik, das heisst fertig Reisen. Ich beruhige ihn und verletzte sofort die Regeln. Ich steige die Treppe runter und lande in der Küche meiner Vermieter. Das lasse ich mir von niemanden nehmen! Wir plaudern zu Dritt und geniessen das leckeres Essen. Wie immer bleibt auch was für den nächsten Tag. Genau so prima sind meine Vermieter.

 

 

Die Woche geht schnell vorbei und ich will mich bisschen erholen, gehe nach mein geliebtes Schwarzsee spazieren. Das Wetter ist trüb, um diese Zeit feiert man Ende der Skisaison, von Menschen fast keine Spur. Ich geniesse das, gehe die Grotte besuchen, zünde eine Kerze an. Ein Hund mit seinem Herrchen spaziert an mir vorbei.

 

 

Ich gönne mir ein Mittagessen in Restaurant Gypsera. Der Freitag, den 13. macht sich bemerkbar. Wie ich aus den Medien erfahre und was man eigentlich geahnt hat, verbietet die Schweizer Regierung alle Aktionen über 100 Leute. Mein zynisches Ich freut sich, weil wir doch noch nicht so ganz perfekt gelernt haben und die Prüfungskommission sagt unsere Prüfungen auf unbestimmte Zeit ab.

 

 

Der Ausruf der Regierung und die Wirkung der Medien lässt sich sehen. Ich gehe selten samstags einkaufen, aber ich staune nicht schlecht. Es bleibt nichts anders als den kalten Kopf zu bewahren. Der Sonntag kommt, morgen sollten die Prüfungen stattfinden, na ja, dann gehe ich halt feiern, um den kalten Kopf zu fördern. Wie sich am nächsten Morgen bestätigt, für einige Zeit wird nicht mehr so gefeiert – die Läden, Restaurants, Bars werden geschlossen.

 

 

Den Rest den Ferien will ich mich erholen, ich geniesse mein Morgenessen. Eine Strategie muss her, vor allem werde ich keine Reserven ansammeln, sondern noch das Alte gebrauchen, einiges wird sich ändern. Und im tiefsten Inneren hoffe ich zum Besseren. Da ich einfach lebe, stehe ich vor keinen Herausforderungen. Der Plan muss aber noch exakter und strikter gemacht werden. Dazu gehört Disziplin und Ausdauer – eine Planung, Sport, Haushalt, Studium, Arbeit. Ein Karussell, wo nix zu kurz kommen darf.

 

 

 

Den Haushalt und mein zu Hause poliere ich auf Hochglanz, das war sowieso schon lange auf der Liste und gehört zum Frühling. Da mich das Putzen sehr viel Energie kostet, mein zynisches Ich hilft natürlich nicht und lebt nach dem Motto: Das Putzen hat noch niemand umgebracht, aber warum riskieren? Mein verlorene Energie muss ich später mit dem Sport kompensieren.

 

 

Ich fahre nach benachbarten Dorf Lanthen, das jahrelang mein zu Hause war. Ich lebte einige Jahre mit meinem Freund Heri, der Bauer ist. Sein Hof ist reines Paradies für die Seele, ich gehe plaudern und mit den Tierchen quatschen. Der Frühling ist für die Bauer ein Tag ohne Ende. Heri hat viel zu tun, gerade füttert er die Tiere im Stall, es muss gestreut werden. Die Kuhherde und Kälbchen sind glücklich.

 

 

Ein weiterer Tag und die neuen Aufgaben, die schon lange zu erledigen sind. Ich habe zu Hause noch zwei Packungen und backe das Brot, das ich dann einfriere, anders kann man das in Ein-Person-Haushalt nicht machen. Das Morgenessen geniesse ich in vollen Zügen, das Lernen muss auch weiter gehen und heute gönne ich mir einen sportlichen Spaziergang. Die A 12 ist ganz ruhig, nur die LKW’s erledigen ihre Arbeit.

 

 

Der Himmel ist blau, keine Flugzeuge unterwegs. Die Natur wacht richtig auf, ich winke dem Bauer. Noch ein Beweisfoto, wie man mit den Nasstüchern umgeht – mein zynisches Ich flüstert mir ins Ohr – Und jetzt stell dir vor, wie sieht das bei denen zu Hause aus!

 

 

Nach feinem Mittag gehen wieder die Aufgaben los. Ich mache Ordnung auf der Laube – der Abfall muss entsorgt werden – Kleider zur Sammelstelle, ich teile sorgfältig den Abfall und fahre zu unserem Recycling Unternehmen in Flamatt. Es gibt fast nichts Einfacheres in der Schweiz, als den Haushaltkehricht abzugeben.

 

 

Die Aufgaben sind vorbildlich erledigt und der Tag neigt sich zu Ende. Ich bereite mein Essen, es klingelt an der Tür – das kann nur eins sein! Ja klar, meine Vermieterin Heidi bringt mir die Suppe, Kuchen und ein Stück Schokolade. Eine Sorge weniger für morgen und wunderbarer Abschluss vom Tag.

 

 

Am nächsten Tag ist der Trott nicht anders – Essen vorbereiten, lernen, Sport. Ich stelle alle vorgesehene Einkäufe wie Badeanzug, Sportkleider ein. Ich fahre auf Sparmodus, gehe vorsichtig mit dem Geld um, weil mir durch den Kopf die gleichen Fragen gehen wie euch vielen: Ich bin in den Ferien und wenn ich zurück ins Unternehmen komme, habe ich überhaupt noch Arbeit? Ich fahre schon LKW, nun einer meinen grössten Kunden hat geschlossen.

 

 

Der Freitag ist da, heute gönne ich mir sportliche Ruhe. Ich muss einkaufen gehen und versuche mein Geld und Bedürfnisse so gerecht zu verteilen wie es nur geht. Nach fast einem halbem Jahr fahre ich ins Laden – La Maison 1794 in Löwenberg. Sie bietet exzellentes Angebot nicht nur der Frischware, sondern viele vegane Köstlichkeiten und den gesamten Sortiment der Marke Sonnet. Es blieb nicht viel übrig in Regalen, trotzdem bekomme ich alles, was auf meine Einkaufsliste steht.

 

 

Meine nächste Station ist der Grossverteiler Coop, die Vorräte für die Männerwelt müssen nachgefühlt werden. Männer lutschen gerne, haben Zucker im Blut und arbeiten dann umso schneller. Als Frau in einer Männerdomäne muss ich die Arbeit pfiffig angehen und die weibliche Vorteile richtig nutzen.

 

 

Der Nachmittag ist da und ich habe mir einen Mittag in der Natur versprochen. Einige Menschen spazieren, das Wetter zieht sie aus den Häusern. Der Bundesrat entscheidet neu – man darf nur bis fünf Personen unterwegs sein. Die Welt wird noch stiller stehen und der Gewitter kommt. Es blitzet und donnert für bessere Zeiten.

 

Der Samstag ist da, ich faulenze am morgen im Bett, nachmittag muss ich noch einen Tag mit Sport nachgehen. Wie es immer so im meinen Leben geht, treffe ich nach langer Zeit einen Bekannten. Wir plaudern, trinken Kaffee, dann wird gegessen und wie ein Bandit fahre ich nach Mitternacht wieder nach Hause. Mein zynisches Ich ist total begeistert, weil wir mal richtig den Bock geschossen haben. Aber das Spontane ist doch das Schönste. Es war nach langer Zeit wieder eine Person aus meiner Umfeld, die ich getroffen habe. Für Leute, die alleine leben, ist diese Situation umso beschwerlicher, weil uns das Soziale entzogen bleibt. Der Sonntag lasse ich gemütlich ausklingen und freue mich wieder auf die Arbeit.

 

 

Nix ist wie vor zwei Wochen. In der Arbeit werden alle hygienische Massnahmen getroffen. Der oberste Chef informiert uns über weitere Vorgänge, die Mannschaft ist zuversichtlich. Die Welt steht still mehr denn je, wir fahren nur das Nötigste. Wo nötig ist, wird geholfen.

 

 

Ich staune trotzdem, welche positive Sachen die Situation bringt. Ich fahre weit zur Arbeit, so billig habe ich seit Jahren nicht mehr getankt, ich fahre auf leeren Autobahnen.

 

 

Die Pläne ändern sich ständig, es ist Freitag nach 19:00, es dämmert bald, ich fahre los unsere regelmässige Tour nach Zürich. Nach einigen Kilometren auf der Autobahn sehe ich hinter dem Zaun eine Gruppe mit kleinen, weissen Transparenten mit DANKE. Sie winken in beiden Richtungen, aber nur uns, Fahrern aus Beruf. Ich bin glücklich noch jetzt.

Was kommt weiter? Nix, das Leben geht weiter. Falls ihr frei habt, erholt euch, rätselt nicht und nimmt das jetzt alles, so wie es ist. Widmet die Zeit euch, euren Partnern, der Familie. Ich lebe alleine, gehe arbeiten und würde lieber zu Hause sitzen und die Umarmung eines starken Hengstes geniessen. Mein kleines, zynisches Ich fragt mich ängstlich: Aber wie geht es Menschen, die alleine sind und niemanden haben? Und wenn wir jetzt winken werden? Ihr seid nie alleine, mein kleines, freches, haariges zynisches Ich winkt euch schon über zwei Jahre. Ich besitze kein TV und Radio und kann mir vorstellen, was alles dort gerade läuft…Hat euch jemand schon in letzter Zeit gesagt, dass ihr die Welt schöner macht, indem ihr einfach da seid? Freut euch mit mir auf die nächsten Reportagen, die das Leben schreibt. In der Hauptrolle seid ihr, meine Kamera und mein freches, haariges zynisches Ich…Ich zeige euch die Welt, wie ich sie sehe und ihr zeigt mir die Welt, wo es Freude macht, zu leben.

 

 

…DENN IHR MACHT DIE WELT BESONDERS, INDEM IHR EINFACH DA SEID…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Beitrag teilen

Dankbarkeit 2019

« Vorderer Beitrag

Die landwirtschaftliche Ausstellung BEA Expo 2019

Nächster Beitrag »

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.